Der folgende Text entstand im Oktober 2020 im Rahmen eines internen Seminars anlässlich des 70. Jahrestags des großen Oktoberstreiks. Bisher wurde er als Zirkular verbreitet, nun machen wir ihn mit geringfügigen Überarbeitungen anlässlich des 21. Jahrestages der Öffentlichkeit zugänglich.

 

- Redaktion des Vorboten, Oktober 2021

 

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Der Oktoberstreik – Entwicklung, Verlauf und Lehren.

 

 

 

 

„Der Streik, der vor fünfzig Jahren, im September und Oktober 1950, stattfand, war der größte Streik der österreichischen Nachkriegszeit und eine der bedeutendsten Kampfaktionen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Er mutet heute, nach einer jahrzehntelangen Periode, in der Streiks zu höchst seltenen Ausnahmen wurden, der davon geprägten Öffentlichkeit als etwas Fernliegendes, Exotisches, historisch ein für allemal Abgeschlossenes an, als Ereignis, das völlig aus dem Rahmen österreichischer Normalität fällt. Die historischen Tatsachen zeigen ein anderes Bild, nämlich daß die österreichische Arbeiterbewegung eine lange und reiche Tradition des Streikkampfes besitzt. Von den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnend über die Massenstreiks für das allgemeine Wahlrecht, die Teuerungsdemonstrationen von 1911, die riesenhaften Aufstände im Ersten Weltkrieg mit dem Höhepunkt des Jännerstreiks 1918 und die zahlreichen Streikkämpfe der Eisenbahner, Bergarbeiter, Metallarbeiter und Textilarbeiterinnen in der Ersten Republik setzten sich diese nach 1945 fort. Im Februar 1946 mit den ersten Streiks gegen den Lebensmittelmangel in Fohndorf und Wien anhebend, mündeten sie über die große Hungerdemonstration in Wien im Mai 1947 in den Jahren 1948 bis 1950 in eine Welle erbitterter Klassenkämpfe mit einer Vielzahl von Streiks und militanten Demonstrationen, die zu den Perioden der intensivsten Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung überhaupt gehört. Von Gemütlichkeit als der in Österreich angeblich obwaltenden Haupteigenschaft war da nichts zu bemerken.“ (1)

- Hans Hautmann

 

BLEIBT STARK!

 

Es kommt der Tag, an dem sich alle Tore öffnen!

Verzweifelt nicht! Bleibt imer stark! Er naht!

Und wenn sie uns mit Ketten bänden -

die längste Nacht muß einmal enden!

Es komt der Tag! Es komt der Tag!

 

Millionen warten, Sehnsucht, heiligen Haß im Herzen

wie ihr, Genossen, ihr! Schöpft daraus Mut!

Die härteste Gewalt wird brechen!

Zuviel der Not, sie muß sich einmal rächen!

Denn unter Scheiterhaufen glost die Glut!

 

Schon über Nacht kann sie ein Meer von Flammen werden.

Verliert niemals den Glauben an den Sieg! Harrt aus!

Bald werden wir uns alle Rechte holen,

die uns die frechen Schergen tausendmal gestohlen!

Bald kommt der Tag! Bald kommt der Tag! (2)

- Richard Zach

 

 

1. Internationale und nationale Bedingungen des Oktoberstreiks.

 

Die internationalen Bedingungen

 

Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs brachten tiefgreifende Veränderungen in der Weltlage. Einerseits konnten dabei Sozialismus und Antiimperialismus große Fortschritte, regelrechte Sprünge erzielen. Besonders drückte sich dies mit den Volksdemokratien aus, die (auf dem Weg zum Sozialismus) mit dem Kapitalismus brechen konnten und eine enorme Vergrößerung des sozialistischen Lagers mit sich brachten. Dieser neue Typus an Staatsform, geführt vom Proletariat, wurde von der DDR über Ungarn bis nach China errichtet. Nie zuvor und niemals danach erreichte das sozialistische Lage eine dermaßen große Ausdehnung, wie in dieser Zeit. Doch es gab auch negative Entwicklungen nach der Niederschlagung des Faschismus. Im Westen, dem Lager des Imperialismus, wird die USA bis in die 1950er Jahre als Erbe Großbritanniens zur neuen Hegemonialmacht, zum weltweit führenden Imperialisten. Die USA sind es auch, die als einziges kapitalistisches Land politisch und ökonomisch gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen.

 

Im West- und Teilen Mitteleuropas blieb trotz aller Zerstörungen und der ökonomischen Zerrüttung ein gewisses Niveau entwickelter Produktivkräfte, das Potenzial eines riesigen europäischen Marktes und damit das Potenzial der enormen Konsumtionsfähigkeit des Kapitals, wenn dieser Markt durch Reorganisierung und „Wiederaufbau“, durch eine gewisse Konsolidierung wieder aufnahmefähig werden würde. Damit wurde Europa zum Angelpunkt der ökonomischen und politischen Neuverteilung der imperialistischen Einflusssphären und der Vormachtstellung der USA (3).

 

Gleichzeitig spizten sich die Konflikte zwischen den nach Unabhängigkeit und Freiheit strebenden Völkern und den Imperialisten, die alles dafür taten, eine weitere Ausbreitung des sozialistischen und antiimperialistischen Lagers zu verhindern, massiv zu. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich der Griechische Bürgerkrieg (1946-1949) und der Koreakrieg (1950-1953). Letzterer wurde zur ersten großen Niederlage der USA in der Zeit nach 1945 und lieferte damit schon eine Skizze der über Jahrzehnte anhaltenden Probleme der USA, auf die der „Koloss auf tönernen Füßen“ insbesondere bei seinen Interventionskriegen in Asien stoße sollte.

 

Kernstück der Expansionspläne der USA in Europa war der ökonomisch-politische Marshallplan (ERP, European Recovery Program), der auf die militärische Truman-Doktrin folgte. Der Marshallplan war kein Akt eines Samariters und entsprach natürlich auch nicht den Bedürfnissen der europäischen Völker, sondern folgte den politischen und ökonomischen Interessen des USA-Imperialismus. Die darin „enthaltenen amerikanischen Kredite und ‚Geschenke‘ waren (…) schon so bemessen, dass die Teilnehmerstaaten am ERP in Abhängigkeit von den USA geraten mussten. (…) Die ökonomische Zusammenfassung der kapitalistischen Länder Europas und die Blockbildung gegen das sozialistische Lager bedingten sich gegenseitig; ein westlicher Militärblock wurde mit der Gründung der NATO 1949 geschaffen. Die zunehmende Verschmelzung der ökonomischen und militärischen(…) Seite der ‚Wirtschaftshilfe‘ zeigt sich im eindeutigen Übergewicht der Rüstungshilfe gegenüber der Wirtschaftshilfe: im Haushaltsjahr 1951/52 waren für Europa 5,24 Milliarden Dollar an Militärhilfe und 1,65 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe vorgesehen.“ (4)

 

Das vormalige faschistische Zentrum der weltweiten Reaktion, Deutschland, drückte wie kaum ein anderes Land in Europa diese Lage und das Kräfteverhältnis internationaler Widersprüche wie kein zweites aus, denn 1949 erfolgte unter Führung und auf Drängen der USA und Großbritanniens die Gründung der BRD, erst daraufhin (und nicht wie in der bürgerlichen Populärgeschichte meist dargestellt) wurde in der sowjetischen Zone mit Gründung der Deutsche Demokratischen Republik geantwortet. Die Teilung und Spaltung Deutschlands erfolgte daher als Teil eines Vorstoßes der führenden Imperialisten gegen die Kräfte des Fortschritts, welche sich im weltweiten Kampf gegen den Faschismus entwickelten und trotz eines enormen Blutzolls gestärkt daraus hervorgingen.

 

Die nationalen Voraussetzungen

 

Im Kampf gegen Kommunismus und Antiimperialismus nahm Österreich einen überaus wichtigen Platz in der US-Strategie und damit im Marshall-Programm (das am 2. Juli 1948 von Österreich und den USA unterzeichnet wurde) ein. Daher sind hier zwischen 1948 und 1953 auch die höchsten pro-Kopf-Zahlungen aller Marshall-Plan-Teilnehmerländer festzustellen, nämlich 900 Mio. US-Dollar.

 

 

 

Die Propaganda für den Marshall-Plan ähnelt außergewöhnlich stark der heutigen EU-Propagnda.

 

Kurz vor der Unterzeichnung des Marshall-Plans durch die österreichische Bundesregierung aus ÖVP/SPÖ kam es 1947 zu einer Währungsreform, die von den Regierungsparteien unter Schirmherrschaft der West-Alliierten durchgeführt wurde. Die KPÖ lehnte diese Reform als Enteignungsprogramm ab und trat aus der gemeinsamen, nach der Befreiung 1945 gebildeten Regierung der „demokratischen Einheit“ aus, da die Währungsreform laut Bundesminister Karl Altman „Wieder nur die Geldeigentümer und nicht die Sacheigentümer“ (5) traf.

 

Der Bargeldbesitz war durch Wechsel im Zuge der Reform hauptsächlich von Entwertung betroffen, neue Konten hingegen, die damals v.a. durch Nachkriegsgewinnler, Händler, Spekulanten und Schwarzhändler angelegt werden konnten, blieben unberührt, da ihre Einlagen (im Gegensatz zum Bargeld) beinahe ohne Wertverlust gewechselt wurden (6). Die Währungsreform war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Austritt der KPÖ aus der gemeinsamen Regierung wurde damit besiegelt, doch er war insgesamt das Resultat von sich schon längere Zeit verschärfenden Widersprüchen zwischen KPÖ und ÖVP/SPÖ, die gemeinsam mit den Westalliierten alles daran setzten, die KPÖ zurückzudrängen und zu diskreditieren.

 

Vorläufiger Höhepunkt dieser Politik war das gezielte politische Ausschalten und Beseitigen von bekannten Widerstandskämpfern, Kommunisten und Partisanenführern, wie es 1947 im oberösterreichischen Salzkammergut geschah. Die Ernährungslage war zu diesem Zeitpunkt überaus kritisch, unter anderem herrschte ein akuter Milchmangel, was insbesondere für die Kinderversorgung schwerwiegende Folgen hatte. Es folgten kleinere Kundgebungen, die gegen diesen Zustand protestierten, bis sich der Unmut der Bevölkerung in einer größeren Demonstration ausdrückte bei der eine Frauendelegation eine Resolution vorlegte in welcher die Sicherstellung der Milchversorgung von den lokalen Behörden, insbesondere aber vom US-Militär gefordert wurde. Demonstrantinnen und Demonstranten nahmen sich den Balkon des Rathauses und hielten von dort aus Reden, bei welchen aber auch Vertreter der lokalen Behörden am Balkon anwesend waren. Ein Teil der Demonstranten löste sich aus der Menge und setzt seine Demonstration durch Bad Ischl fort. Die US-amerikanischen Besatzungstruppen hatten die Situation nicht mehr im Griff und sehen sich mit großen Protesten gegen ihre Versorgungspolitik konfrontiert. In den Tagen nach diesen Ereignissen wurde zuerst die militärische Präsenz der US-Truppen im Salzkammergut und in Linz erhöht. Daraufhin kommt es zur Verhaftung von mehreren Personen, unter ihnen Maria Sams, die 1879 in Ischl geborene Arbeiterin die auch im Februar 1934 kämpfte, in diesen Tagen zur KPÖ übertrat und nach 1945 als „Partisanenmutter“ bekannt war, da sich auch als ältere Frau eine wichtige Funktion im Widerstandskrieg gegen den deutschen Faschismus einnahm. Ein weiterer der Festgenommenen war Raimund Zimpernik, ebenfalls ein Bad Ischler Arbeiter, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand 1941 von der Gestapo verhaftet wurde und bis zur Befreiung in diversen Konzentrationslagern eingesperrt war. Er wurde zu 15 Jahren Kerker verurteilt, Maria Sams ebenso zu mehreren Jahren. Insgesamt wurde gegen vier der Angeklagten 28 Jahre Kerker verhängt. Die US-amerikanischen Behörden rechtfertigten dies damit, dass die Angeklagten in ihren Reden und durch die Frauenpetition (die unter anderem von Maria Sams initiiert war) „aufgewiegelt“ hätten, sowie die Demonstration auch antisemitisch gewesen und immer wieder judenfeindliche Parolen zu hören gewesen seien. Obwohl im ganzen Gerichtsprozess kein Beweis für die angebliche „Aufwiegelei“ gebracht werden konnte (selbst der damalige Bezirkshauptmann sagte aus, dass von „Aufwiegelei“ keine Rede gewesen ist) und auch die angeblichen antisemitischen Ausfälle von niemand anderem als von Angehörigen der US-Militärbehörden (also der Anklage) wahrgenommen werden konnten, wurden Kerkerstrafen ausgesprochen. Das führte zu einer Welle der Entrüstung in der Arbeiterklasse und unter Teilen der demokratischen Kräfte. Die Journalistengewerkschaft protestierte entschieden, da sie noch dazu vermleden musste, dass Journalisten vom Prozess ausgeschlossen wurden, der KZ-Verband legte ebenfalls schärfsten Protest gegen die Verurteilung der Antifaschisten durch ein US-Militärgericht ein. Die lokalen Organisationen aller drei Nachkriegsparteien (ÖVP, SPÖ, KPÖ) im Salzkammergut forderten die sofortige Freilassung der Inhaftierten und sämtliche Betriebsräte der Metallindustrie Oberösterreichs forderten den Gewerkschaftsbund geschlossen dazu auf, für den Protest gegen dieses Urteil auch den Weltgewerkschaftsbund zu mobilisieren. Bei einer Kundgebung in Knittelfeld meinte selbst der SPÖ-Nationalratsabgeordnete Eibegger: „Es ist das letzte Mal, daß die Arbeiterschaft sich mit einem Protest begnügt!“ und in Sankt Pölten trugen Arbeiter bei einer Protestkundgebung ein Transparent mit der Parole: „Ein Viertelliter Milch – 15 Jahre Zuchthaus. Das ist die erste Rate des Marshall-Plans!“ (7). Es war offensichtlich, dass die Situation für die Herrschenden und die US-Militärbehörde zu eskalieren drohte und dass die Sozialdemokratie Gefahr lief, die Kontrolle über wichtige Sektoren der von ihr Organisierten Massen zu verlieren. Die Verurteilten wurden daher nach einer lange anhaltenden Protestwelle begnadigt. Dies erfolgte auf direkte Intervention des ÖVP-Bundeskanzlers Figl bei den US-Militärbehörden. Figl wies ausdrücklich darauf hin, dass die österreichischen Parteien die Situation bald nicht mehr kontrollieren könnten und warnte vor „griechischen Verhältnissen“, also einem Bürgerkrieg (8).

 

Die „Partisanenmutter“ Maria Sams

 

Protestkundgebung für die Freilassung Raimund Zimperniks, Wien

 

Dem sogenannten „Ischler Milchprozess“ folgte eine weitere Propagandawelle, die von den US-Behörden gemeinsam mit der westdeutschen Presse geführt wurde. Zugespitzt war sie vor allem auf den ehemaligen Anführer der Partisanen des Salzkammrgut im Toten Gebirge, Sepp Plieseis. Dieser flüchtete während des „Milchprozesses in die sowjetische Zone, ebenso seine Frau, da beide auf den Verhaftungslisten der US-Militärs standen. Doch die gegen ihn und sein hohes Ansehen in der Bevölkerung gerichtete Kampagne riss nicht ab. Noch 1952 beschrieb ihn das deutsche Magazin „Der Spiegel“ als „Berufsrevolutionär und Terrorist“, der ein „Wegbereiter für eine mögliche sowjetische Gesamtoperation im europäischen Raum“ sei. Sepp Plieseis und seine Partisanen seien die „Fünfte Kolonne im Salzkamergut. Bis zum nächsten Jahr muss auf Weisung von Moskau hin das Tote Gebirge eine sowjetische Insel im westlichen Meer sein!“ (9), sparten die Schmierer des „Spiegels“ nicht mit Phantasie im Dienste imperialistischer US-Interessen.

 

Im Juli 1948 unterzeichnete die von ÖVP und SPÖ gebildete Bundesregierung den Marshallplan (ERP) und akzeptierte damit daran geknüpfte Bedingungen, beispielsweise: Stabilisierung der Währung, ausgeglichener Staatshaushalt, hohe Unternehmensgewinne die Investitionen anregen sollen, Löhne niedrig halten, Konsum einschränken (10). Die Ziele und Zwecke der ERP-Gelder wurden dabei alleine durch die USA bestimmt. „Als die österreichische Regierung 150 Mio. für den Bau von Wohnungen beantragte, wurde dieser Kredit auf Weisung von Washington nicht bewilligt“ ebenso wurde der Wiederaufbau einer eigenen Autoindustrie verweigert und der österreichischen Autoproduktion nur „die Rolle eines Zulieferers und des Absatzmarktes für Autos eingeräumt“ (11). Diese Rolle und Industriezusammensetzung besteht bis heute und wird beispielsweise in Entwicklungen wie bei MAN-Steyr, oder Magna immer wieder deutlich spürbar.

 

Diese durch den Marshall-Plan und nach den strategischen Plänen der USA für Europa geformte ökonomische Zusammensetzung wurde durch die Verstaatlichten-Politik der SPÖ (insbesondere die viel gelobte „Ära Kreisky“) nicht aufgebrochen, sondern ausgebaut, insbesondere in Abstimmung mit westdeutschen Monopolen, die eine sehr wichtige Achse der us-amerikanischen Europapolitik der Jahre nach 1945 waren. War die österreichische Wirtschaft in den Jahren vor dem Marshall-Plan stark mit Mittel- und Osteuropa verbunden, wurde sie durch den ERP vollkommen umgestellt, wozu nicht nur die schon erwähnten Zahlungen in der Höhe von 900 Mio. US-Dollar wichtig waren, sondern auch die us-amerikanische Warenschwemme die den österreichsichen Markt überrollte und Güter im Wert von nochmal 280 Mio. Dollar umfasste. „Innerhalb weniger Jahre war Österreich wirtschaftlich umgepolt worden. Nur mehr 13 Prozent des Handels gingen nach dem Osten“ (12) Um das alles durchzusetzen, arbeiteten die Marshallplan-Strategen eng mit der Sozialdemokratischen Partei und der Führung der Gewerkschaften zusammen. Sie organisierten Schulungen, Finanzierten Kurse und luden die sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre in die USA ein. Als einer der ersten Reisenden in Sachen Marshallplan, der daraufhin imer wieder zu Schulungs- und Ausbildungszwecken in die USA fuhr, war der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Franz Olah. (Er sollte im Oktoberstreik eine wichtige Rolle auf Seiten der Reaktion spielen.) Die somit auf Linie der US-Interessen gebrachten Funktionäre jedenfalls, beschränkten in der Folge ihre Kritik am Marshallplan darauf, dass ÖGB und AK an der konkreten Umsetzung der Pläne zu wenig beteiligt gewesen wären, doch mit keinem Wort kritisierten sie den Marshall-Plan und die damit einhergehenden Belastungen für die Bevölkeung (13).

 

„Wiederaufbaubrigade der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ)“

 

„Plakat der FÖJ auf dem für einen selbstbestimmten Wiederaufbau mobilisiert wird.“

 

Die ökonomische Lage der Arbeiter und des Volkes war in den Jahren nach 1945 überaus schlecht, die Inflation raste und die Versorgungslage war fatal. Zwischen 1947 und 1951 wurden fünf Lohn-Preis-Abkommen (-Pakte) geschlossen. Durch die Währungsreform 1947 und das Erste Lohn-Preis-Abkommen (1. LPA) stiegen die Lebenserhaltungskosten um rund 20%, Löhne und Gehälter aber nur um 6% Trotz eines angeblichen „Lohn-Preis-Stopps“, der diese ungleichmäßige Entwicklung laut Regierungspropaganda stoppen sollte, stiegen die Preise weiter, weshalb es 1948 zu umfassenden ökonomischen Kampfmaßnahmen der Arbeiterklasse kam. Gleichzeitig waren die sozialdemokratischen und christsozialen Führer des Gewerkschaftsbundes nicht dazu bereit Lohnerhöhungen zu fordern. Der Druck aus den Betrieben stieg weiter und die Unzufriedenheit der Arbeiterinnen und Arbeiter wuchs. Sie erhoben in ihren Kämpfen die Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen und stellten der Regierung für die Lohnerhöhungen ein Ultimatum bis zum . In dieser Situation taucht nun zu ersten Mal in der Zweiten Republik die „modernisierte“ Form der „Putschlüge“ auf (deren ursprüngliche Formen schon im Habsburgerreich gegen Streiks eingesetzt wurden), welche später die wichtigste Propagandawaffe gegen die Streikenden im September und Oktober 1950 werden sollte: „In dieser Situation griffen die ÖGB-Bonzen zu einem probaten Mittel der Streikbekämpfung im Kalten Krieg: sie erfanden eine Kominformanweisung [Kominform steht für „Kommunistisches Informationsbüro“. Dieses war die internationale Organisation der Kommunistischen Parteien jener Zeit – Anm.], die Pläne für einen Putsch der Kommunisten enthielt, der am 15. September in der Steiermark, dem Streikzentrum, seinen Ausgang nehmen sollte. Der 15. September war die Frist für die Erfüllung einer 25%igen Lohnforderung. Die SPÖ gab die Erfindung der ‚Putschpläne‘ im nachhinein zu.“ (14)

 

Durch Wegfall verschiedener Preisstützungen stiegen Lebenserhaltungskosten bis 1949 (begleitet durch ein weiteres LPA) weiter rasant an, woraufhin Gewerkschaft und Arbeiterkammer ein zweites und drittes Lohn-Preis-Abkomen mit der Bundeshandelskammer abschlossen. Ihr Ziel war, ganz und gar in Verpflichtung auf die Marshallplan-Vorgaben, das Defizit im Staatshaushalt zu beenden. Die Kosten der „Budgetstabilisierung wurden auf die Lohn- und Gehaltsempfänger“ abgewälzt. (15) In fast allen großen Industriestädten kam es daraufhin zu Kampfaktionen und Streiks, an denen bundesweit rund 220.000 Personen teilnahmen, insbesondere die Teilnahme der Arbeiterinnen und Arbeiter in Wien und Steyr stechen dabei hervor. Besonderes Gewicht hatte neben Lohnforderungen in diesen Kämpfen die Arbeitslosenfrage. Bei einem Stand von rund 200.000 Arbeitslosen (bzw. 10%), wurde von den Arbeitern die Forderung nach Überbrückungshilfe in der Höhe von 600,- Schilling aufgestellt. Die ÖGB-Führung hingegen wollte nur steuerlich gestützte Preissenkungen (also vom Steuerzahler und damit schlussendlich auch von den Arbeitern selbst bezahlt), doch keine Zahlungen oder Lohnforderungen. Doch sie musste dem Druck der Arbeiter teilweise nachgeben und erhob schlussendlich selbst die Forderung nach einer Überbrückungshilfe für Arbeitslose in der Höhe eines Wochenlohns. Die von den Arbeitern geforderten 600,- Schilling Überbrückungshilfe entsprachen jedoch vier Wochenlöhnen einer mittelmäßig qualifizierten Arbeitskraft, lagen also deutlich darüber. Für die Streikenden und Demonstrierenden war die Forderung nach 600,- S Überbrückungshilfe ein einigendes Band und wurde sehr breit vertreten. Das begünstigte den teilweisen Erfolg ihrer Durchsetzung und in einzelnen Betrieben, wo die Kampfaktivitäten besonders stark waren, konnte sie sogar weit überschritten werden (16). Die Einheit und Solidarität der Arbeiterklasse feierten damit einen großen Erfolg, motivierten die Arbeiter und gaben ihnen nicht nur wichtige Erfahrungen und Lehren, sondern auch eine kräftige Portion Optimismus.

 

Der daraufhin im September und Oktober 1950 folgende „Oktoberstreik“, ausgelöst als Abwehrkampf gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen vom September 1950, wurde zu einem Kulminationspunkt der bisherigen Kämpfe der Arbeiterbewegung gegen das Marshall-Plan-Diktat, Inflation, Arbeitslosigkeit und verschiedene Lohn-Preis-Abkommen. Der Oktoberstreik wurde zum Kulminationspunkt, sowohl nach Umfang und Härte mit der er geführt wurde, doch auch in seinen Ergebnissen, wurde er zu einer Wende für die österreichische Arbeiterbewegung und prägt bis heute ihre politische Realität.

 

2. Der Oktobersreik 1950

 

Ein solcher Kulminationspunkt konnte der Oktoberstreik (nach Hans Hautmann (17)) vor allem wegen drei besonderer Faktoren werden:

1. Der enorme Kaufkraftverlust der Arbeiter durch die Lohn-Preis-Abkommen

2. Die Kampfbereitschaft der Massen, gesteigert durch einzelne Erfolge in vorhergehenden Kämpfen und die dabei gewonnenen Erfahrungen

3. Die aufklärende und organisierende Tätigkeit der Kommunisten.

 

Besonders zum ersten Punkt verdeutlichen einige Zahlen die Situation: Die Produktion lag 1950 schon 142 Prozent über dem Vorkriegsstand, Brot wurde mit dem vierten LPA um 26% teurer, Mehl um 64%, Semmeln um 59%, Zucker um 34%. Die Verkehrstarife stiegen um 25%, Strom ebenso, Hausbrandkohle (damals hauptsächliches Heizmittel) um 23%. (18) Die Löhne konnten da nicht mithalten und lagen im Schnitt 18% unter dem Vorkriegsniveau. Laut viertem Lohn-Preis-Abkommen wurden die Löhne nun wie folgt „angeglichen“: Lagen sie unter 1000,- Schilling wurden sie um 100,- ÖS erhöht, lagen sie darüber, betrug die Lohnerhöhung 10%, gleichzeitig wurden diese Lohnerhöhungen sofort gemindert und aufgefressen, da ebenso höhere Sozialversicherungsabgaben durch die Werktätigen zu bezahlen waren, sie allein lagen im Mittelwert zwischen 120 und 130,- ÖS (19). Schon Tage vor dem endgültigen LPA-Beschluss am 26. September enthüllte die KPÖ diese Tatsachen und machte vor allem in den Betrieben dagegen Stimmung. War in den Jahren bis 1949 die Versorgungslage überaus schlecht, also die „Kalorien nicht da“, war es nun umgekehrt: Es gab zwar Waren, aber niemand konnte sie sich leisten. (20)

 

Schon zuvor gab es heftige Erregung und Widerstand der Arbeiterklasse, in Wien gab es große Demonstrationen, in Vorarlberg einzelne kleinere Streiks. Als die Ergebnisse des vierten LPA auch durch die Medien auch offiziell bekannt wurden, gab es in der Arbeiterklasse aber kein Halten mehr… wovon die KPÖ kurioserweise überrascht wurde! Obwohl sie in ihrer Mobilisierung und Organisationstätigkeit selbst zu Streiks aufrief, massiv gegen das vierte LPA agitierte und dessen Rücknahme forderte, wie sie auch die Rückgängigmachung der Preiserhöhungen und die Verdoppelung vorgesehener Lohnerhöhungen forderte, obwohl sie auf ihrem 14. Parteitag 1949 sogar die Einschätzung traf, dass sich die wirtschaftlichen Kämpfe im Land sehr ungleichmäßig entwickeln würden, überraschte es sie, als in Oberösterreich (Steyr und Linz), allen voran in den Linzer Vöest-Werken, der Streik ausbrach. Auf den Streikausbruch in den Vöest-Werken war die KPÖ erst recht unvorbereitet, da in diesem konkreten Fall die Zusammensetzung des Betriebsrats nicht gerade für ein besonders hohes Bewusstsein der Arbeiter sprach, war dort doch neben 14 Betriebsräten die sich aus SPÖ (12) und KPÖ (2) zusammensetzten die Hochburg des „Verbands der Unabhängigen“ (VdU), einem Sammelbecken der Nationalsozialisten und Vorgänger der FPÖ, der dort mit 14 Betriebsratsmandaten ebenso stark war, wie SPÖ und KPÖ gemeinsam (21).

 

Von Linz und Steyr ausgehend, breitete sich die Massenbewegung aus, und Oberösterreich blieb der Beteiligung nach auch das Zentrum des Streiks: In Wien streikten 242 Betriebe mit 41.000 Beschäftigten, in Niederösterreich 215 Betriebe und 54.500 Arbeiter, In der Steiermark legten 25.000 und in Salzburg rund 8000 die Arbeit nieder, doch in Oberösterreich schlossen sich 60.000 Arbeiterinnen und Arbeiter dem Streik an! Damit waren alle Bundesländer mit größeren Industriezentren von der Welle des Streiks erfasst. In den anderen Bundesländern, die im Rahmen der damals allgemein sehr schwachen Industrialisierung Österreichs im Oktoberstreik eher einen Nebenschauplatz bildeten, waren es insgesamt 1.500 die die Arbeit niederlegten.

 

Zentren des Oktoberstreiks 1950

 

Der Streik entwickelte sich in zwei Wellen: vom 26. bis zum 29. September, sowie vom 4. bis zu 6. Oktober 1950. Die dazwischenliegende Unterbrechung erfolgte auf einen Aufruf der KPÖ. Doch warum rief die KPÖ dazu auf den Streik zu unterbrechen? Sie machte dafür folgende Gründe geltend: Erstens wollte sie aus agitatorischen Gründen der Regierung ein Ultimatum stellen, in einer kurzen Frist die zur Erfüllung der Forderungen zugestanden wurde, die Arbeit wieder aufnehmen. Man erwartete sich davon, dass man dadurch weitere Schichten der Massen in die Streikbewegung einbeziehen könnte und vor den Augen aller Werktätigen zeigt, dass die Regierung nicht Willens ist, die gerechten Forderungen der Streikbewegung zu erfüllen. Zweitens wollte die KPÖ die Unterbrechung dafür nutzen, eine gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz durchzuführen und bei dieser auch eine gesamtösterreichische Streikleitung zu wählen, also die Bewegung zentralisieren und durch Vereinheitlichung und bessere Organisierung des Kampfes ihre Schlagkraft zu erhöhen. Diese Ziele waren einerseits verständlich, da die Streikbewegung aber schlussendlich nach der Unterbrechung nicht mehr den Schwung zurückgewinnen konnte den sie zuvor hatte und geschwächt daraus hervorging, stellte sie sich dennoch als schwerer Fehler heraus. Die Erfahrungen mit „Massenbewegung zeigen in der Tat, dass man sie nicht auf Knopfdruck aus- und wieder einschalten kann“ (22) Weiter wog der Fehler der Steikunterbrechung insofern besonders schwer, weil dadurch die Regierung und insbesondere die SPÖ eine Verschnaufpause bekamen, sich gewissermaßen konsolidieren konnten und nun mit voller Kraft mit der Lüge vom angeblichen „kommunistischen Putschversuch“ vorpreschten. Zuvor „hatten sie das aufgrund des Faktums, dass der Streik gerade in Betrieben mit SPÖ-Mehrheit unter den Belegschaften ausgebrochen war, nicht zu behaupten gewagt.“ (23)

 

Beging die Führung der KPÖ also zu Beginn des Streiks einen „rechten Fehler“, nämlich dass sie sich offenbar nicht an ihre eigenen richtigen Einschätzungen von der ungleichmäßigen Entwicklung der Klassenkämpfe hielt und die Kraft der Arbeiterklasse sowie die Explosivität der Stimmung in den Massen unterschätzte, verfiel sie im Verlaufe des Kampfes in einen „linken Fehler“, nämlich die absolute Überschätzung der spontanen Kräfte der Massenbewegung und der eigenen Kräfte, sowie eine massive Unterschätzung des Gegners, seiner Konsolidierungsfähigkeit und seines Propagandaapparats. Die Kommunistische Partei verstand diesen Fehler, es entwickelte sich innerhalb der Partei eine Auseinandersetzung darüber, wie die gemachten Fehler zu verstehen sind und was ihre Ursachen waren. Diese Auseinandersetzung spiegelt sich in Dokumenten des Zentralkomitees wider, ebenso wie in der selbstkritischen Auswertung des Oktoberstreiks, die am 15. Parteitag 1951 zusammengefasst wurde.

 

Die Herrschenden gingen mit äußerster Härte gegen den Streik vor, sowohl politisch als auch ideologisch. Einerseits gab es die berühmten Prügelbanden des Gewerkschafters Franz Olah. Geschätzt werden sie auf eine Stärke von ca. 2000 bis 3000 Mann, zusammengesetzt aus Faschisten die die Streikenden überfielen. Sie bildeten aber nur eine „Ergänzung“ zur staatlichen Repression: „Behörden und Gewerkschafter griffen zu massiven Mitteln des Streikbruchs, der Aussperrung mit Waffengewalt, der Besetzung von Betrieben mit bewaffneter Gendamerie und Polizei (…) auch die Steyr-Werke wurden von Gendarmerie besetzt (…) Dutzende Betriebsräte in Donawitz und anderen Betrieben wurden verhaftet; in vielen Betrieben wurden Prügelgarden aufgestellt.“ (24) Dass heute in sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und allgemein in bürgerlichen Artikeln und Sendungen zum Thema in der Frage der Repression gegen die Streikenden beinahe ausschließlich von Franz Olahs faschistischen Prügelgarden die Rede ist, verwischt die realen politischen Kräfteverhältnisse, verschweigt die offizielle staatliche Repression durch Gendamerie und Polizei und lässt damit die Arbeiterbewegung und die KPÖ relativ hilflos gegenüber den Prügelbanden aussehen. Daher ist es wichtig, das reale Ausmaß der Repression zu betonen, das weit über die faschistischen Banden Olahs hinausging. Auch nach dem Streik ging es in dieser Richtung weiter: Insgesamt wurden rund 1.000 Arbeiter entlassen oder gekündigt (25), vor allem in der Vöest und in Steyr, wo sich die Zahl „Gemaßregelten“ bis 1953 fortlaufend auf 450 erhöhte. Die Vergeltungswelle dauerte mehrere Jahre an. Im ÖGB wurden 85 KPÖ-nahe Funktionäre aus Leitungsgremien und Verantwortungspositionen entfernt, auf Initiative Franz Olahs wurde überhaupt der Beschluss gefasst, dass eine Mitgliedschaft von Kommunisten in der Gewerkschaft Bau-Holz nicht erlaubt ist. Der SPÖ-Innenminister Helmer, berüchtigt für seine Nähe zu Nationalsozialisten, wollte auch den Polizeiapparat säubern, in Wien wurde er daran aber von der sowjetische Besatzungsmacht gehindert (26).

 

Straßenschlacht von Streikenden mit Holzlatten tragenden faschistischen Prügelgarden.

 

SPÖ-Propaganda von der Gefahr der Teilung des Landes als Folge des Streiks.

 

Mit der politischen Repression, dem umfassenden Einsatz von Polizei und Gendamerie (Das Bundesheer gab es damals noch nicht, weshalb Teile seiner Aufgaben von der sogenannten „Sondergendamerie“ oder auch „B-Gendamerie“ übernommen wurden), ergänzt durch die Mobilisieurng von Faschisten ind Prügelgarden, war es aber nicht getan. Die wohl weitaus wirkmächtigere Waffe der Herrschenden war ideologisch: die Putschlüge.

 

3. Die ideologische Waffe der Putschlüge

 

Wie schon 1947 (siehe oben), wurde auch 1950 vor allem durch die Sozialdemokratie und den ÖGB verbreitet, dass die Kommunistische Partei, natürlich auf „Anweisung Moskaus“ durch den Streik einen Putsch durchführen wollte. Während noch 1985 die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten von den Streikenden als „Terroristen“ sprach und auch in der Schrift „100 Jahre Gewerkschaft der Eisenbahner“ vom Streik als „Terror“ die Rede ist, gilt die Putschlüge heutzutage in breiteren Kreisen als überholt und ist durch die Gewerkschaft zumindest teilweise zurückgenommen worden. So schreibt der ausgewiesen ÖGB-nahe Historiker Peter Autengruber selbstkritisch: „Die Putschthese ging also von der Sozialdemokratie bzw. von sozialistischen Gewerkschaftern aus. Die ÖVP beteiligte sich an dieser Argumentation (…) Die Putschthese entstand gezielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges: Sie entsprang der Furcht der nicht-kommunistischen Mehrheit des ÖGB vor einer kommunistischen Machtübernahme (…) Selbst wenn bei einzelnen kommunistischen ParteigängerInnen Überlegungen zur Machtübernahme eine Rolle gespielt haben mögen, für die Zielsetzung des Oktoberstreiks spielten sie definitiv keine Rolle. Das war auch der ÖGB-Mehrheit aus SPÖ- und ÖVP-GewerkschafterInnen bewusst, als sie die wichtigsten am Oktoberstreik beteiligten angestellten und/oder gewählten Funktionäre und Funktionärinnen entließen und/oder aus dem ÖGB aussschlossen“ und er fährt, den sozialdemokratischen Historiker Oliver Rathkolb zitierend, fort: „Die Putsch-Metapher (…) diente als perfektes Instrument, um die Sozialdemokratie endgültig vom Verdacht freizuspielen, sie plane eine Einheitsfront mit der KPÖ.“ (27)

 

Doch auch wenn heute Teile der Sozialdemokratie und der Herrschenden Klasse von der Putschlüge abrücken, so nahm sie doch 1950 einen zentralen Platz im Kampf gegen die Arbeiterbewegung und ihres Aufbegehrens gegen das Lohn-Preis-Abkommen ein. Sie wurde zu einem historischen „Erinnerungsort im Abwehrkampf gegen den Kommunismus“ (28) und Generationen von Gewerkschaftern und Betriebsräten wurden in Gewerkschaftsschulen und gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen in diesem Sinne erzogen (29) - was bis heute merkbar ist.

 

Bereits am 27. September, also nach einem Tag Streik, ersuchten Innenminister Helmer (SPÖ) und Außenminister Gruber (ÖVP) die westlichen Besatzungsmächte um deren Einschreiten und bezeichneten den Streik als „Unruhe“ die „unterdrückt werden muss“ (30). Die Westalliierten hatten aber an einer Eskalation der Lage zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse. Auch die Sowjetunion wollte keine Eskalation, die ihrerseits mit einer Unterstützung der Streikenden durch die Rote Armee gegeben gewesen wäre. Doch gerade hier setzte die Putschlegende an und bezichtigte die sowjetische Besatzungsmacht der „Steuerung“ des Streiks, bzw. dass die Sowjetunion „Interesse am Streik“ hätte, wie der US-General Keyes der sowjetischen Vertretung vorwarf (31). Dieser Vorwurf war von vornherein absurd, denn der Streik begann eben gerade nicht in den sowjetisch verwalteten USIA-Betrieben, sondern in der US-amerikanischen Zone. Außerdem hatten die sowjetischen Behörden wenig Interesse daran, die unter ihrer Kontrolle stehenden USIA-Betriebe zu schädigen, wurden aus ihnen doch Reparationszahlungen geleistet. Auch Walter Stern, als Betriebsrat bei C.P. Goertz ein aktiver Teilnehmer des Oktoberstreiks, weist darauf hin, dass die sowjetischen Verwalter den Streikenden zwar „Lastwägen zu Verfügung stellten“ damit sie besser von Betrieb zu Betrieb kamen, aber damit erschöpfte sich im Wesentlichen die unmittelbare Streikunterstützung (32) Eine nachgewiesene Intervention durch die sowjetische Militärbehörde gab es aber tatsächlich: als Innenminister Helmer Gendamerie- und Polizeitruppen nach Wiener Neustadt zusammenziehen ließ, befahl die sowjetische Kommandatur deren Demobilisierung. Nicht so in den Westzonen, wo vereinzelt die österreichischen Repressionsorgane Unterstützung durch US-amerikanische Militärpolizei erhielten.

 

SPÖ und ÖGB erklärten den Streik von Beginn an für illegal, sinnlos und schädlich. Ab dem 30. September (also im Zeitraum der Streikunterbrechung) wurde dann behauptet, es gehe „nicht mehr um Schillinge oder Lohnprozente, sondern um die Freiheit unseres Landes“ (33). Damit war ein wichtiger Wendepunkt erreicht: Der Streik und Massenkampf wurde in der bürgerlichen Propaganda abgelenkt von den gerechten Tagesforderungen und Zielen, Gegenstand wurde jene „Freiheit und Selbstbestimmung“ Österreichs, wie sie vom US-Imperialismus verstanden wurde. Dem entgegen stand das Eintreten der Kommunisten für die Ziele der Streikbewegung, für nationale Selbsbestimmung, gegen die Lohn-Preis-Abkommen, also ein Gegenentwurf der die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs wesentlich unter der Führung der Arbeiterklasse gebracht hätte. Der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Fritz Klenner schrieb damals dazu: „Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, daß die Kommunistische Partei zum Schlag gegen die demokratische Republik auszuholen versucht. Ihr Plan geht dahin, die Leitung des Gewerkschaftsbundes und der angeschlossenen Gewerkschaften in ihre Hände zu bringen und damit die gesamte Gewerkschaftsbewegung, das stärkste Bollwerk der Demokratie in diesem Lande überhaupt, zu beherrschen. Mit Hilfe dieses Instruments soll dann, wie dies in unseren Nachbarländern geschah, die Regierung gestürzt und die Volksdemokratie errichtet werden.“ (34) Gleichzeitig erließ der ÖGB-Vorstand am 5. Oktober den Aufruf „Gewalt gegen Gewalt“. In diesem rief man ganz offen zur Anwendung von massiver Gewalt gegen die Streikenden auf: „Alle Mittel, welche die Terroristen anwenden, um euch zum Streik zu zwingen, müssen auch in der Verteidigung gebraucht werden. Setzt der Gewalt die Gewalt entgegen und verteidigt euren Betrieb!“ (35)

 

Doch gab es vielleicht einen bestimmten Anlass für das Entstehen der Putschlüge, steckt in ihr möglicherweise ein Körnchen Wahrheit? Nein. Auch wenn es vereinzelte regionale Aktionen lokaler KPÖ-Einheiten gab, die über den ökonomischen Kampf hinausgingen. So wusste „Franz Loistl, Zentralbetriebsratsobmann im Zistersdorfer Erdölgebiet, von einer ‚Reihe von Leuten‘ zu berichten, die sich ‚während des Streiks nicht an die Anweisungen des Streikkomitees gehalten haben und ultralinke Einstellungen hatten.‘“ (36) Und auch der schon erwähnte Walter Stern berichtet Ähnliches (37). Hubert Friesenbichler (Funktionär der KPÖ sowie der Freien Österreichischen Jugend), damals Kulturreferent des Betriebsrats im Wiener Kabel- und Metallwerk Floridsdorf, konnte ebenso keine Putschabsichten erkennen, sondern: „dass ein Gendamerieposten in Gänserndorf besetzt worden sei, wurde bei Gesprächen in der Bezirksleitung eher als heitere Anekdote denn als eine ernstzunehmene Aktion aufgefasst.“ (38)

 

Natürlich gab es von vielen Genossen die Hoffnung auf „größere Dinge“ und selbstverständlich sah man den Streikkampf und die Massenbewegung in der KPÖ als hervorragende Bewegung die eine Entwicklung hin zur Volksdemokratie erleichtern würde. Aber nicht am Wege eines Putsches, sondern im Kampf um die Arbeitereinheit, die von der KPÖ als Voraussetzung dafür begriffen wurde, um überhaupt zur Volksdemokratie gelangen zu können. Zu behaupten, dass zumindest ein relevanter Teil, oder eine bestimmte Linie in der Kommunistischen Partei Putschpläne verfolgte, ist nichts als eine Lüge, daher schärfstens zurückzuweisen und es ist natürlich kein Zufall, dass von Seiten reaktionärer Kräfte bisher kein einziger Vertreter der KP-Führung genannt werden konnte, der sich positiv auf Putschpläne bezogen hätte. Auch strategisch wäre ein Putsch vollkommener Irrsinn gewesen, was selbst der rabiat antikomunistische, freiheitliche Historiker Lothar Höbelt feststellen muss: „Ein klassischer Staatsstreich hätte in einem Land, in dem die militärische Gewalt ausschließlich bei den Besatzungsmächten lag, freilich auch gar keinen Sinn.“ Und einer der führenden bürgerlichen Militärhistoriker, der ebenfalls kommunistischer Sympathien vollkommen unverdächtige Manfred Rauchensteiner räumt ein: „...an einen Staatsstreich konnte wohl nur ein Phantast glauben.“ (39) soweit zur realistischen Beurteilung.

 

Für SPÖ und ÖVP war die Putschlüge aber bitter notwendig, denn es ging darum den Einfluss in den Gewerkschaften vollständig in sozialdemokratische Hand zu bringen (mit einigen starken Reservaten für ÖVP-Funktionäre) und damit die Konstituierung der Sozialpartnerschaft abzuschließen, bzw. nicht zu gefährden. Der schon zitierte Fritz Klenner, lange Zeit ÖGB-Verantwortlicher für Bildung und Gründer des gewerkschaftseigenen Verlags, also ideologisch einer der führenden Funktionäre des ÖGB, war wesentlicher Einpeitscher der Putschlüge, stellte Jahre später aber ganz freimütig fest: „Es handelte sich sicherlich nicht um einen politischen Putschversuch, aber ein Erfolg der Kommunisten hätte zu ihrem wachsenden Einfluss im Gewerkschaftsbund geführt“und weiter: „Die Streiks und Arbeitnehmerunruhen von 1950 waren sicherlich groß, aber kein Putsch; das muss heute der Wahrheit halber anerkannt werden. Es war eine verständliche Reaktion, insbesondere der kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre, gegen die Lohn- und Preisabkommen, der sich der Großteil der nicht-kommunistischen Arbeiter und Angestellten angeschlossen hatten.“ (40) Die Putschlüge wurde ab den 70er und 80er Jahren von allen ernstzunehmenden demokratischen Historikern in Abrede gestellt und als das benannt was sie war: eine propagandistische Lüge! Auch wenn es in gewissen gewerkschaftlichen und demokratischen Kreisen (und in Einzelfällen auch darüber hinaus) eine Tendenz dazu gibt, die Putschlüge klar zurückzuweisen, lässt sich doch auch ein gegenteiliger „Trend“ feststellen. Denn seit den 1990er Jahren kommt es durchaus auch zu einem bestimmten Revival der Putschlüge, beginnend bei reaktionären Historikern wie Roman Sandgruber (Vorstand des Linzer Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Mitglied der KÖHV Amelungia zu Wien), Wilhelm Brauneder (ehemaliger Dritter Nationalratspräsident, FPÖ) bis hin zur Gewerkschaft Bau- Holz, die 1995 bei ihrer damaligen Zentrale eine Tafel enthüllte auf welcher der Niederschlagung des Oktoberstreiks als dem „Kampf um die Freiheit Österreichs“ gedacht wird. Für gewisse Kräfte ist die Putschlüge also nach wie vor aufrecht, in gewissen Formen kommt sie daher auch immer mal wieder in bürgerlichen Abhandlungen zum Thema vor, da eine zwar kleine, doch überaus einflussreiche reaktionäre Minderheit sie weiter aufrecht erhält.

 

Ein weiterer bedeutender und noch heute überaus lebendiger Faktor im ideologischen Kampf des Kapitals gegen den großen Streik vom Oktober 1950, waren die diversen Propagandalügen der Totalitarimustheorie (also der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus), sowie der von ihr als sozialdemokratische Spezialität abgleiteten Theorien über ein angebliches Zusammengehen von Kommunisten und Faschisten gegen die liberale, bürgerliche Demokratie (Eine Theorie die heute nicht selten als „Querfront“ bezeichnet wird). Schon beim Streik 1947 wurde – wie oben erwähnt – die Putschlüge vom angeblich „durch die Kominform gesteuerten“ Streik wesentlich durch sozialdemokratische Organe verbreitet, auch das erfolgte aber nicht ohne die Kommunisten mit den Nazis in Verbindung zu setzen: „Einige Kominformjünglinge spielen dieser Tage den ‚großen Generalstab‘ (…) und hecken etwa folgenden Plan aus: Einige (ferngelenkte) Frauen sammeln sich in Kampfenberg. (…) Nachdem die Kommunisten einsahen, daß die obersteirischen Arbeiter ihren demagogischen Schreiereien kein Gehör schenkten, änderten sie ihre Taktik und gingen zu einem vom Ausland befohlenen Terror über. Eine große Zahl von Kommunisten mußte aus der Partei austreten, um bei den geplanten kommenden Zwischenfällen nicht als KP-Angehörige vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen zu müssen. Diese Leute werden dann nach Niederösterreich in Parteischulen geschickt, wo sie im Terrorhandwerk vollendet ausgebildet werden, um dann als die SS-Terrorgruppen der KPÖ zurückzukehren (…) Nach den Prinzipien des faschistischen Terrors, mit wenigen geschulten Kräften einen Umsturz in den Betrieben hervorzurufen, versucht also auch die KP Unruhe zu stiften. So wurde der Streik in Kapfenberg zum Großteil von werksfremden Kommunisten (provoziert …) durch Einschüchterung der Arbeiter, indem ihnen mit Verschleppung und den Russen gedroht wurde. (…) Die KP nutzt diese Situation aus und plant auf Grund eines Befehls des ZK für die Mitte des Monats ein den meisten österreichischen Industrieorten größere Unruhen zu inszenieren (…) Wenn das geschieht, sollen die Männer aus den Betrieben geholt, zu Streik und Umsturz aufgerufen werden, um auch in Österreich eine ‚Volksdemokratie“ zu errichten.“ (41) In dieser Linie propagierte die SPÖ auch im Oktoberstreik, als sie in ihrer Theoriezeitschrift „Die Zukunft“ zuerst von einem „Septemberputsch“ phantasierte, und sich dann sogar dazu steigerte festzuhalten, dass dieser Putsch durch eine „kommunofaschistische Einheitsfront“ (!) realisiert werden sollte (42). Damit begegnete die Sozialdemokratie dem Umstand, dass beispielsweise in der Vöest der VdU die Betriebsratsmehrheit hatte und VdU-Mitglieder in einzelnen Aktionen der Streikenden (insbesondere in Oberösterreich und der Steiermark) prominente Rollen einnahmen, wenngleich diese v.a. den Kommunisten zugeschrieben wurden.

 

Zum Ende und den Ergebnissen des Oktoberstreiks

 

Der Streik fand, beginnend mit der Unterbrechung, keine Dynamik mehr und verlief fortan im Sand. Ein Erfolg war aber zweifellos, dass es die Herrschenden für mehrere Jahre nicht mehr wagten, ein weiteres Lohn-Preis-Abkommen abzuschließen. Die 1951 stattfindenden Betriebsratswahlen brachten darüber hinaus ein von KPÖ, insbesondere aber von ihren Gegnern, nicht erwartetes Ergebnis – nämlich die sprunghafte Steigerung des Einflusses der Kommunistischen Partei in den Betrieben und innerhalb der Volksmassen. Insbesondere in den Linzer Vöest-Werken leitete der Oktoberstreik auch den Niedergang des Einflusses des VdU in den Betrieben ein, auch das war ein bedeutender Erfolg.

 

„Und obwohl sie in der Gewerkschaft durch Ausschlüsse und in den großen Betrieben durch Entlassungen Positionen einbüßte, festigte sie in der Folge ihr Ansehen in der Arbeiterschaft. Bei den Betriebsratswahlen in der VÖEST 1951 steigerte sich ihr Anteil unter den Arbeitern , verglichen mit 1949, von 9,5 auf 30,3 Prozent, bei den Angestellten von 7,7 auf 14,2 Prozent. In den VÖEST-Abteilungen Stahblau, Maschinenbau I und im Stahlwerk wurde die Liste der Gewerkschaftlichen Einheit [KPÖ-nahe Gewerkschaftsliste – Anm.] sogar zur stärksten Fraktion. Es war der größte Wahlerfolg in der Geschichte des Werkes überhaupt, und er zeigte, dass die Arbeiter und Angestellten der VÖEST jenen Kollegen das Vertrauen aussprachen, die im September und Oktober 1950 bis zuletzt an ihrer Seite gestanden waren. Dasselbe zeigte sich in Steyr, wo die Kommunisten bei den Betriebsratswahlen 1951 mit 2.055 Stimmen die höchste Stimmenanzahl erreichten, die sie dort je hatten, und mit acht Mandaten in den Arbeiterbetriebsrat einzogen. Ebenso war es in anderen österreichischen Industriebetrieben. Auch auf politischer Ebene äußerte sich dieser Trend. Gottlieb Fiala, der wenige Monate nach seinem Ausschluss aus dem ÖGB als kommunistischer Kandidat bei den Bundespräsidentenwahlen antrat, erhielt im Mai 1951 220.000 Stimmen, die höchste Stimmenzahl, die die KPÖ bei Wahlen in ihrer Geschichte jemals erreichte.“ (43)

 

4. Die Lehren des großen Oktoberstreiks

 

Einige wichtige spezifische Lehren dieses große Streiks lassen sich überblicksmäßig wie folgt zusammenfassen:

 

1.) Der Ausgang des Streiks markierte auch das vorläufige Ende des Kampfes um die gesellschaftliche Ausrichtung Österreichs in dieser Periode der Klassenkämpfe. Er zementierte die „Westintegration“ als Entwicklungsweg unter der Hegemonie des USA-Imperialismus. Er brachte eine Entscheidung im Kräftemessen darüber, welche Klasse die Auseinandersetzung um Souveränität Österreichs führt: die Bourgeoisie. Damit wurde auch der Weg für die folgende EWG-Integration und später den EU-Beitritt vorgezeichnet.

 

2.) Der Oktoberstreik stellte die in Herausbildung begriffene Sozialpartnerschaft massiv in Frage und hatte ihre Aufhebung zum Ziel. Dass das nicht gelang, kennzeichnete die Politik der österreichischen Arbeiterbewegung in der Zweiten Republik und führte zur Etablierung des für die Grenzländer des Marshall-Plan-Systems zu den Volksdemokratien typischen Regierungssystems von Rot/Schwarz (bzw. umgekehrt).

 

3.) Der Antikommunismus wurde zu einem ideologischen „Grundkonsens“ der Zweiten Republik, nicht nur in der Bourgeoisie, sondern auch deutlich über sie hinaus, was wesentlich durch die Sozialdemokratie gelang. Dieser „Grundkonsens“ wurde erst mithilfe der Putschlüge und der nach dem Oktoberstreik vollständig durchgesetzten Führung der Bourgeoisie in der nationalen Frage etabliert und war nicht, als vermeintliche nationale Eigenart oder Ähnliches, „immer schon da“, wie es von linskliberaler Seite gerne heißt.

 

4.) Die Vorwürfe von einer angeblich gemeinsamen Front der KPÖ mit Nazis und „linkem Antisemitismus“, wurden als ideologische Waffe gegen die Kommunisten und gegen selbstbestimmte Aktionen der Arbeiterklasse und Volksmassen genutzt. Diese Art von Propagandalügen wurde (ebenso wie die schon in der Monarchie angewandte Putschlüge) für die Nachkriegsverhältnisse systematisiert und methodisiert.

 

5.) Die Kommunistische Partei erreichte eine Stärkung innerhalb der Betriebe, eine Stellung, die sie über lange Jahre in der Zweiten Republik als relatives Spezifikum gegenüber einer ansonsten allgemeinen politischen Schwäche, behalten sollte.

 

 

Der Hammer

 

Hammer, fliege – Hammer, töne!

Thor, der Gott, und Königssöhne

haben schon in alten Tagen

kräftig mit Dir zugeschlagen!

Und Du wurdest vor dem Schwert,

in der Vorzeit hoch geehrt.

 

Götter gaben Dich als Spende

in der Menschen willige Hände,

eine Welt hast Du entriegelt,

wichtig Ding und Tun besiegelt.

Und noch heut ist jeder Schlag

heilig wie am ersten Tag!

 

Hammer, töne – Hammer, klinge!

Denn ich spür, wenn ich Dich schwinge,

wenn die Schläge niederfallen,

mächtiger Götter Wohlgefallen.

Hammer, Du, in meiner Hand:

bist des Glückes Unterpfand!

 

- Hans Heidenbauer

(Im Schatten der Schlote, 1947)

 

 

 

Quellen:

 

(1) Hans Hautman: Der Platz des Oktoberstreiks in der österreichische Geschichte. Referat auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „Der große Streik des September/Oktober 1950“, 30. September 2000.

(2) Richard Zach: Bleibt stark! In: Richard Zach, Der Weg ins Licht, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien, ohne Jahresangabe, S.12

(3) Vgl. dazu: Gruber, Ronald; Hörzinger, Manfred: ...bis der Preistreiberpakt fällt. Der Massenstreik der österreichischen Arbeiter im September/Oktober 1950. Alois Wieser, Wien, 1975, S.8

(4) Gruber/Hörzinger 1975, S.9

(5) Autengruber, Peter; Mugrauer, Manfred: Oktoberstreik. Realität hinter den Legenden über die Streikbewegung im Herbst 1950. ÖGB-Verlag, Wien 2017, S.12

(6) Gruber/Hörzinger 1975, S.10

(7) Ischl… Wie es war. Stern-Verlag, Wien 1947, S.3-19

(8) Das Möglicheit eines von den US-Imperialisten und Großbritannein provozierten Bürgerkriegs wie in Griechenland, war damals durchaus eine tatsächliche Möglichkeit und nicht vom Tisch zu wischen. Die KPÖ beschäftigte sich insbesondere in der Zeit rund um ihren 14. Parteitag (1949) mit dieser Gefahr und behandelt die Frage in mehreren Artikeln und Dokumenten.

(9) Sepp Plieseis (1933-1966). Eine Dokumentation der KPÖ-OÖ. Eigenverlag, Linz 2015, S.36

(10) Autengruber/Mugrauer 2017, S.12

(11) Ebd.

(12) Rauchensteiner, Manfred nach: Autengruber/Mugrauer 2017, S.13

(13) Ebd.

(14) Gruber/Hörzinger 1975, S.16

(15) Gruber/Hörzinger 1975, S.17

(16) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(17) Hans Hautmann, 2000.

(18) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(19) Gruber/Hörzinger 1975, S.20

(20) Hans Hautmann, 2000

(21) Die derart ungewöhnliche Zusammensetzung des Vöest-Betriebsrats hat ihren Grund darin, dass die Arbeit im Stahlwerk einerseits besonders viel hochqualifizierte Arbeit erforderte, also Arbeitskräfte die nicht leicht zu ersetzen waren. Daher hatten die Vöest-Werke während der Herrschaft des deutschen Faschismus einen besonders hohen Anteil an Arbeitskräften die als „produktionsnotwendig“ vom Kriegsdienst befreit waren und nicht selten auch über gute Kontakte in die NSDAP verfügten. Diese Arbeitskräfte konnten auch nach der Befreiung ökonomisch nicht schnell ersetzt werden, außerdem gab es in der US-kontrollierten Zone eine Entnazifizierung nur in homöopatischem Ausmaß, d.h. es fehlte auch der politische Wille der alliierten Besatzungsmacht, weshalb sich dort über mehrere Jahre hinweg der VdU stark etablierte. Eine diesbezügliche Wende setzte erst mit den Oktoberstreik ein.

(22) Hans Hautman, 2000

(23) Ebd.

(24) Ebd.

(25) Ebd.

(26) Ebd.

(27) Autengruber/Murgauer, 2017, S.44 und 48

(28) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.8

(29) Autengruber/Mugrauer 2017, S.45

(30) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(31) Ebd.

(32) Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrats. ÖGB-Verlag, Wien, 2014, S.148

(33) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(34) Fritz Klenner in: „Putschversuch – oder nicht?“ zit. Nach: Rote Fahne, Nr. 242, Jänner 1991, S.33

(35) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.4

(36) Ebd., S.5

(37) Vgl. dazu: Walter Stern, s.o., S.144-144

(38) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.5

(39) Ebd., S.2

(40) Fritz Klenner, zit. nach: Autengruber, in: Autengruber/Mugrauer 2017, S.46-47

(41) Neue Zeit. Tageszeitung der SPÖ Graz. Artikel: „Der Durchbruch“ und „KP-Pläne für den 15. September“. Beide in der Ausgabe von 12. September 1948, S.1-2 Zit. nach: Rote Fahne, Nr.242, Jänner 1991, S.32

(42) Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ 1945-1955. Vienna University Press 2020, S.649

(43) Hans Hautman, 2000

 

ÖSTERREICH

INTERNATIONAL

THEORIE

Der folgende Text entstand im Oktober 2020 im Rahmen eines internen Seminars anlässlich des 70. Jahrestags des großen Oktoberstreiks. Bisher wurde er als Zirkular verbreitet, nun machen wir ihn mit geringfügigen Überarbeitungen anlässlich des 21. Jahrestages der Öffentlichkeit zugänglich.

 

- Redaktion des Vorboten, Oktober 2021

 

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Der Oktoberstreik – Entwicklung, Verlauf und Lehren.

 

 

 

 

„Der Streik, der vor fünfzig Jahren, im September und Oktober 1950, stattfand, war der größte Streik der österreichischen Nachkriegszeit und eine der bedeutendsten Kampfaktionen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Er mutet heute, nach einer jahrzehntelangen Periode, in der Streiks zu höchst seltenen Ausnahmen wurden, der davon geprägten Öffentlichkeit als etwas Fernliegendes, Exotisches, historisch ein für allemal Abgeschlossenes an, als Ereignis, das völlig aus dem Rahmen österreichischer Normalität fällt. Die historischen Tatsachen zeigen ein anderes Bild, nämlich daß die österreichische Arbeiterbewegung eine lange und reiche Tradition des Streikkampfes besitzt. Von den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnend über die Massenstreiks für das allgemeine Wahlrecht, die Teuerungsdemonstrationen von 1911, die riesenhaften Aufstände im Ersten Weltkrieg mit dem Höhepunkt des Jännerstreiks 1918 und die zahlreichen Streikkämpfe der Eisenbahner, Bergarbeiter, Metallarbeiter und Textilarbeiterinnen in der Ersten Republik setzten sich diese nach 1945 fort. Im Februar 1946 mit den ersten Streiks gegen den Lebensmittelmangel in Fohndorf und Wien anhebend, mündeten sie über die große Hungerdemonstration in Wien im Mai 1947 in den Jahren 1948 bis 1950 in eine Welle erbitterter Klassenkämpfe mit einer Vielzahl von Streiks und militanten Demonstrationen, die zu den Perioden der intensivsten Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung überhaupt gehört. Von Gemütlichkeit als der in Österreich angeblich obwaltenden Haupteigenschaft war da nichts zu bemerken.“ (1)

- Hans Hautmann

 

BLEIBT STARK!

 

Es kommt der Tag, an dem sich alle Tore öffnen!

Verzweifelt nicht! Bleibt imer stark! Er naht!

Und wenn sie uns mit Ketten bänden -

die längste Nacht muß einmal enden!

Es komt der Tag! Es komt der Tag!

 

Millionen warten, Sehnsucht, heiligen Haß im Herzen

wie ihr, Genossen, ihr! Schöpft daraus Mut!

Die härteste Gewalt wird brechen!

Zuviel der Not, sie muß sich einmal rächen!

Denn unter Scheiterhaufen glost die Glut!

 

Schon über Nacht kann sie ein Meer von Flammen werden.

Verliert niemals den Glauben an den Sieg! Harrt aus!

Bald werden wir uns alle Rechte holen,

die uns die frechen Schergen tausendmal gestohlen!

Bald kommt der Tag! Bald kommt der Tag! (2)

- Richard Zach

 

 

1. Internationale und nationale Bedingungen des Oktoberstreiks.

 

Die internationalen Bedingungen

 

Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs brachten tiefgreifende Veränderungen in der Weltlage. Einerseits konnten dabei Sozialismus und Antiimperialismus große Fortschritte, regelrechte Sprünge erzielen. Besonders drückte sich dies mit den Volksdemokratien aus, die (auf dem Weg zum Sozialismus) mit dem Kapitalismus brechen konnten und eine enorme Vergrößerung des sozialistischen Lagers mit sich brachten. Dieser neue Typus an Staatsform, geführt vom Proletariat, wurde von der DDR über Ungarn bis nach China errichtet. Nie zuvor und niemals danach erreichte das sozialistische Lage eine dermaßen große Ausdehnung, wie in dieser Zeit. Doch es gab auch negative Entwicklungen nach der Niederschlagung des Faschismus. Im Westen, dem Lager des Imperialismus, wird die USA bis in die 1950er Jahre als Erbe Großbritanniens zur neuen Hegemonialmacht, zum weltweit führenden Imperialisten. Die USA sind es auch, die als einziges kapitalistisches Land politisch und ökonomisch gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen.

 

Im West- und Teilen Mitteleuropas blieb trotz aller Zerstörungen und der ökonomischen Zerrüttung ein gewisses Niveau entwickelter Produktivkräfte, das Potenzial eines riesigen europäischen Marktes und damit das Potenzial der enormen Konsumtionsfähigkeit des Kapitals, wenn dieser Markt durch Reorganisierung und „Wiederaufbau“, durch eine gewisse Konsolidierung wieder aufnahmefähig werden würde. Damit wurde Europa zum Angelpunkt der ökonomischen und politischen Neuverteilung der imperialistischen Einflusssphären und der Vormachtstellung der USA (3).

 

Gleichzeitig spizten sich die Konflikte zwischen den nach Unabhängigkeit und Freiheit strebenden Völkern und den Imperialisten, die alles dafür taten, eine weitere Ausbreitung des sozialistischen und antiimperialistischen Lagers zu verhindern, massiv zu. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich der Griechische Bürgerkrieg (1946-1949) und der Koreakrieg (1950-1953). Letzterer wurde zur ersten großen Niederlage der USA in der Zeit nach 1945 und lieferte damit schon eine Skizze der über Jahrzehnte anhaltenden Probleme der USA, auf die der „Koloss auf tönernen Füßen“ insbesondere bei seinen Interventionskriegen in Asien stoße sollte.

 

Kernstück der Expansionspläne der USA in Europa war der ökonomisch-politische Marshallplan (ERP, European Recovery Program), der auf die militärische Truman-Doktrin folgte. Der Marshallplan war kein Akt eines Samariters und entsprach natürlich auch nicht den Bedürfnissen der europäischen Völker, sondern folgte den politischen und ökonomischen Interessen des USA-Imperialismus. Die darin „enthaltenen amerikanischen Kredite und ‚Geschenke‘ waren (…) schon so bemessen, dass die Teilnehmerstaaten am ERP in Abhängigkeit von den USA geraten mussten. (…) Die ökonomische Zusammenfassung der kapitalistischen Länder Europas und die Blockbildung gegen das sozialistische Lager bedingten sich gegenseitig; ein westlicher Militärblock wurde mit der Gründung der NATO 1949 geschaffen. Die zunehmende Verschmelzung der ökonomischen und militärischen(…) Seite der ‚Wirtschaftshilfe‘ zeigt sich im eindeutigen Übergewicht der Rüstungshilfe gegenüber der Wirtschaftshilfe: im Haushaltsjahr 1951/52 waren für Europa 5,24 Milliarden Dollar an Militärhilfe und 1,65 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe vorgesehen.“ (4)

 

Das vormalige faschistische Zentrum der weltweiten Reaktion, Deutschland, drückte wie kaum ein anderes Land in Europa diese Lage und das Kräfteverhältnis internationaler Widersprüche wie kein zweites aus, denn 1949 erfolgte unter Führung und auf Drängen der USA und Großbritanniens die Gründung der BRD, erst daraufhin (und nicht wie in der bürgerlichen Populärgeschichte meist dargestellt) wurde in der sowjetischen Zone mit Gründung der Deutsche Demokratischen Republik geantwortet. Die Teilung und Spaltung Deutschlands erfolgte daher als Teil eines Vorstoßes der führenden Imperialisten gegen die Kräfte des Fortschritts, welche sich im weltweiten Kampf gegen den Faschismus entwickelten und trotz eines enormen Blutzolls gestärkt daraus hervorgingen.

 

Die nationalen Voraussetzungen

 

Im Kampf gegen Kommunismus und Antiimperialismus nahm Österreich einen überaus wichtigen Platz in der US-Strategie und damit im Marshall-Programm (das am 2. Juli 1948 von Österreich und den USA unterzeichnet wurde) ein. Daher sind hier zwischen 1948 und 1953 auch die höchsten pro-Kopf-Zahlungen aller Marshall-Plan-Teilnehmerländer festzustellen, nämlich 900 Mio. US-Dollar.

 

 

 

Die Propaganda für den Marshall-Plan ähnelt außergewöhnlich stark der heutigen EU-Propagnda.

 

Kurz vor der Unterzeichnung des Marshall-Plans durch die österreichische Bundesregierung aus ÖVP/SPÖ kam es 1947 zu einer Währungsreform, die von den Regierungsparteien unter Schirmherrschaft der West-Alliierten durchgeführt wurde. Die KPÖ lehnte diese Reform als Enteignungsprogramm ab und trat aus der gemeinsamen, nach der Befreiung 1945 gebildeten Regierung der „demokratischen Einheit“ aus, da die Währungsreform laut Bundesminister Karl Altman „Wieder nur die Geldeigentümer und nicht die Sacheigentümer“ (5) traf.

 

Der Bargeldbesitz war durch Wechsel im Zuge der Reform hauptsächlich von Entwertung betroffen, neue Konten hingegen, die damals v.a. durch Nachkriegsgewinnler, Händler, Spekulanten und Schwarzhändler angelegt werden konnten, blieben unberührt, da ihre Einlagen (im Gegensatz zum Bargeld) beinahe ohne Wertverlust gewechselt wurden (6). Die Währungsreform war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Austritt der KPÖ aus der gemeinsamen Regierung wurde damit besiegelt, doch er war insgesamt das Resultat von sich schon längere Zeit verschärfenden Widersprüchen zwischen KPÖ und ÖVP/SPÖ, die gemeinsam mit den Westalliierten alles daran setzten, die KPÖ zurückzudrängen und zu diskreditieren.

 

Vorläufiger Höhepunkt dieser Politik war das gezielte politische Ausschalten und Beseitigen von bekannten Widerstandskämpfern, Kommunisten und Partisanenführern, wie es 1947 im oberösterreichischen Salzkammergut geschah. Die Ernährungslage war zu diesem Zeitpunkt überaus kritisch, unter anderem herrschte ein akuter Milchmangel, was insbesondere für die Kinderversorgung schwerwiegende Folgen hatte. Es folgten kleinere Kundgebungen, die gegen diesen Zustand protestierten, bis sich der Unmut der Bevölkerung in einer größeren Demonstration ausdrückte bei der eine Frauendelegation eine Resolution vorlegte in welcher die Sicherstellung der Milchversorgung von den lokalen Behörden, insbesondere aber vom US-Militär gefordert wurde. Demonstrantinnen und Demonstranten nahmen sich den Balkon des Rathauses und hielten von dort aus Reden, bei welchen aber auch Vertreter der lokalen Behörden am Balkon anwesend waren. Ein Teil der Demonstranten löste sich aus der Menge und setzt seine Demonstration durch Bad Ischl fort. Die US-amerikanischen Besatzungstruppen hatten die Situation nicht mehr im Griff und sehen sich mit großen Protesten gegen ihre Versorgungspolitik konfrontiert. In den Tagen nach diesen Ereignissen wurde zuerst die militärische Präsenz der US-Truppen im Salzkammergut und in Linz erhöht. Daraufhin kommt es zur Verhaftung von mehreren Personen, unter ihnen Maria Sams, die 1879 in Ischl geborene Arbeiterin die auch im Februar 1934 kämpfte, in diesen Tagen zur KPÖ übertrat und nach 1945 als „Partisanenmutter“ bekannt war, da sich auch als ältere Frau eine wichtige Funktion im Widerstandskrieg gegen den deutschen Faschismus einnahm. Ein weiterer der Festgenommenen war Raimund Zimpernik, ebenfalls ein Bad Ischler Arbeiter, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand 1941 von der Gestapo verhaftet wurde und bis zur Befreiung in diversen Konzentrationslagern eingesperrt war. Er wurde zu 15 Jahren Kerker verurteilt, Maria Sams ebenso zu mehreren Jahren. Insgesamt wurde gegen vier der Angeklagten 28 Jahre Kerker verhängt. Die US-amerikanischen Behörden rechtfertigten dies damit, dass die Angeklagten in ihren Reden und durch die Frauenpetition (die unter anderem von Maria Sams initiiert war) „aufgewiegelt“ hätten, sowie die Demonstration auch antisemitisch gewesen und immer wieder judenfeindliche Parolen zu hören gewesen seien. Obwohl im ganzen Gerichtsprozess kein Beweis für die angebliche „Aufwiegelei“ gebracht werden konnte (selbst der damalige Bezirkshauptmann sagte aus, dass von „Aufwiegelei“ keine Rede gewesen ist) und auch die angeblichen antisemitischen Ausfälle von niemand anderem als von Angehörigen der US-Militärbehörden (also der Anklage) wahrgenommen werden konnten, wurden Kerkerstrafen ausgesprochen. Das führte zu einer Welle der Entrüstung in der Arbeiterklasse und unter Teilen der demokratischen Kräfte. Die Journalistengewerkschaft protestierte entschieden, da sie noch dazu vermleden musste, dass Journalisten vom Prozess ausgeschlossen wurden, der KZ-Verband legte ebenfalls schärfsten Protest gegen die Verurteilung der Antifaschisten durch ein US-Militärgericht ein. Die lokalen Organisationen aller drei Nachkriegsparteien (ÖVP, SPÖ, KPÖ) im Salzkammergut forderten die sofortige Freilassung der Inhaftierten und sämtliche Betriebsräte der Metallindustrie Oberösterreichs forderten den Gewerkschaftsbund geschlossen dazu auf, für den Protest gegen dieses Urteil auch den Weltgewerkschaftsbund zu mobilisieren. Bei einer Kundgebung in Knittelfeld meinte selbst der SPÖ-Nationalratsabgeordnete Eibegger: „Es ist das letzte Mal, daß die Arbeiterschaft sich mit einem Protest begnügt!“ und in Sankt Pölten trugen Arbeiter bei einer Protestkundgebung ein Transparent mit der Parole: „Ein Viertelliter Milch – 15 Jahre Zuchthaus. Das ist die erste Rate des Marshall-Plans!“ (7). Es war offensichtlich, dass die Situation für die Herrschenden und die US-Militärbehörde zu eskalieren drohte und dass die Sozialdemokratie Gefahr lief, die Kontrolle über wichtige Sektoren der von ihr Organisierten Massen zu verlieren. Die Verurteilten wurden daher nach einer lange anhaltenden Protestwelle begnadigt. Dies erfolgte auf direkte Intervention des ÖVP-Bundeskanzlers Figl bei den US-Militärbehörden. Figl wies ausdrücklich darauf hin, dass die österreichischen Parteien die Situation bald nicht mehr kontrollieren könnten und warnte vor „griechischen Verhältnissen“, also einem Bürgerkrieg (8).

 

Die „Partisanenmutter“ Maria Sams

 

Protestkundgebung für die Freilassung Raimund Zimperniks, Wien

 

Dem sogenannten „Ischler Milchprozess“ folgte eine weitere Propagandawelle, die von den US-Behörden gemeinsam mit der westdeutschen Presse geführt wurde. Zugespitzt war sie vor allem auf den ehemaligen Anführer der Partisanen des Salzkammrgut im Toten Gebirge, Sepp Plieseis. Dieser flüchtete während des „Milchprozesses in die sowjetische Zone, ebenso seine Frau, da beide auf den Verhaftungslisten der US-Militärs standen. Doch die gegen ihn und sein hohes Ansehen in der Bevölkerung gerichtete Kampagne riss nicht ab. Noch 1952 beschrieb ihn das deutsche Magazin „Der Spiegel“ als „Berufsrevolutionär und Terrorist“, der ein „Wegbereiter für eine mögliche sowjetische Gesamtoperation im europäischen Raum“ sei. Sepp Plieseis und seine Partisanen seien die „Fünfte Kolonne im Salzkamergut. Bis zum nächsten Jahr muss auf Weisung von Moskau hin das Tote Gebirge eine sowjetische Insel im westlichen Meer sein!“ (9), sparten die Schmierer des „Spiegels“ nicht mit Phantasie im Dienste imperialistischer US-Interessen.

 

Im Juli 1948 unterzeichnete die von ÖVP und SPÖ gebildete Bundesregierung den Marshallplan (ERP) und akzeptierte damit daran geknüpfte Bedingungen, beispielsweise: Stabilisierung der Währung, ausgeglichener Staatshaushalt, hohe Unternehmensgewinne die Investitionen anregen sollen, Löhne niedrig halten, Konsum einschränken (10). Die Ziele und Zwecke der ERP-Gelder wurden dabei alleine durch die USA bestimmt. „Als die österreichische Regierung 150 Mio. für den Bau von Wohnungen beantragte, wurde dieser Kredit auf Weisung von Washington nicht bewilligt“ ebenso wurde der Wiederaufbau einer eigenen Autoindustrie verweigert und der österreichischen Autoproduktion nur „die Rolle eines Zulieferers und des Absatzmarktes für Autos eingeräumt“ (11). Diese Rolle und Industriezusammensetzung besteht bis heute und wird beispielsweise in Entwicklungen wie bei MAN-Steyr, oder Magna immer wieder deutlich spürbar.

 

Diese durch den Marshall-Plan und nach den strategischen Plänen der USA für Europa geformte ökonomische Zusammensetzung wurde durch die Verstaatlichten-Politik der SPÖ (insbesondere die viel gelobte „Ära Kreisky“) nicht aufgebrochen, sondern ausgebaut, insbesondere in Abstimmung mit westdeutschen Monopolen, die eine sehr wichtige Achse der us-amerikanischen Europapolitik der Jahre nach 1945 waren. War die österreichische Wirtschaft in den Jahren vor dem Marshall-Plan stark mit Mittel- und Osteuropa verbunden, wurde sie durch den ERP vollkommen umgestellt, wozu nicht nur die schon erwähnten Zahlungen in der Höhe von 900 Mio. US-Dollar wichtig waren, sondern auch die us-amerikanische Warenschwemme die den österreichsichen Markt überrollte und Güter im Wert von nochmal 280 Mio. Dollar umfasste. „Innerhalb weniger Jahre war Österreich wirtschaftlich umgepolt worden. Nur mehr 13 Prozent des Handels gingen nach dem Osten“ (12) Um das alles durchzusetzen, arbeiteten die Marshallplan-Strategen eng mit der Sozialdemokratischen Partei und der Führung der Gewerkschaften zusammen. Sie organisierten Schulungen, Finanzierten Kurse und luden die sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre in die USA ein. Als einer der ersten Reisenden in Sachen Marshallplan, der daraufhin imer wieder zu Schulungs- und Ausbildungszwecken in die USA fuhr, war der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Franz Olah. (Er sollte im Oktoberstreik eine wichtige Rolle auf Seiten der Reaktion spielen.) Die somit auf Linie der US-Interessen gebrachten Funktionäre jedenfalls, beschränkten in der Folge ihre Kritik am Marshallplan darauf, dass ÖGB und AK an der konkreten Umsetzung der Pläne zu wenig beteiligt gewesen wären, doch mit keinem Wort kritisierten sie den Marshall-Plan und die damit einhergehenden Belastungen für die Bevölkeung (13).

 

„Wiederaufbaubrigade der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ)“

 

„Plakat der FÖJ auf dem für einen selbstbestimmten Wiederaufbau mobilisiert wird.“

 

Die ökonomische Lage der Arbeiter und des Volkes war in den Jahren nach 1945 überaus schlecht, die Inflation raste und die Versorgungslage war fatal. Zwischen 1947 und 1951 wurden fünf Lohn-Preis-Abkommen (-Pakte) geschlossen. Durch die Währungsreform 1947 und das Erste Lohn-Preis-Abkommen (1. LPA) stiegen die Lebenserhaltungskosten um rund 20%, Löhne und Gehälter aber nur um 6% Trotz eines angeblichen „Lohn-Preis-Stopps“, der diese ungleichmäßige Entwicklung laut Regierungspropaganda stoppen sollte, stiegen die Preise weiter, weshalb es 1948 zu umfassenden ökonomischen Kampfmaßnahmen der Arbeiterklasse kam. Gleichzeitig waren die sozialdemokratischen und christsozialen Führer des Gewerkschaftsbundes nicht dazu bereit Lohnerhöhungen zu fordern. Der Druck aus den Betrieben stieg weiter und die Unzufriedenheit der Arbeiterinnen und Arbeiter wuchs. Sie erhoben in ihren Kämpfen die Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen und stellten der Regierung für die Lohnerhöhungen ein Ultimatum bis zum . In dieser Situation taucht nun zu ersten Mal in der Zweiten Republik die „modernisierte“ Form der „Putschlüge“ auf (deren ursprüngliche Formen schon im Habsburgerreich gegen Streiks eingesetzt wurden), welche später die wichtigste Propagandawaffe gegen die Streikenden im September und Oktober 1950 werden sollte: „In dieser Situation griffen die ÖGB-Bonzen zu einem probaten Mittel der Streikbekämpfung im Kalten Krieg: sie erfanden eine Kominformanweisung [Kominform steht für „Kommunistisches Informationsbüro“. Dieses war die internationale Organisation der Kommunistischen Parteien jener Zeit – Anm.], die Pläne für einen Putsch der Kommunisten enthielt, der am 15. September in der Steiermark, dem Streikzentrum, seinen Ausgang nehmen sollte. Der 15. September war die Frist für die Erfüllung einer 25%igen Lohnforderung. Die SPÖ gab die Erfindung der ‚Putschpläne‘ im nachhinein zu.“ (14)

 

Durch Wegfall verschiedener Preisstützungen stiegen Lebenserhaltungskosten bis 1949 (begleitet durch ein weiteres LPA) weiter rasant an, woraufhin Gewerkschaft und Arbeiterkammer ein zweites und drittes Lohn-Preis-Abkomen mit der Bundeshandelskammer abschlossen. Ihr Ziel war, ganz und gar in Verpflichtung auf die Marshallplan-Vorgaben, das Defizit im Staatshaushalt zu beenden. Die Kosten der „Budgetstabilisierung wurden auf die Lohn- und Gehaltsempfänger“ abgewälzt. (15) In fast allen großen Industriestädten kam es daraufhin zu Kampfaktionen und Streiks, an denen bundesweit rund 220.000 Personen teilnahmen, insbesondere die Teilnahme der Arbeiterinnen und Arbeiter in Wien und Steyr stechen dabei hervor. Besonderes Gewicht hatte neben Lohnforderungen in diesen Kämpfen die Arbeitslosenfrage. Bei einem Stand von rund 200.000 Arbeitslosen (bzw. 10%), wurde von den Arbeitern die Forderung nach Überbrückungshilfe in der Höhe von 600,- Schilling aufgestellt. Die ÖGB-Führung hingegen wollte nur steuerlich gestützte Preissenkungen (also vom Steuerzahler und damit schlussendlich auch von den Arbeitern selbst bezahlt), doch keine Zahlungen oder Lohnforderungen. Doch sie musste dem Druck der Arbeiter teilweise nachgeben und erhob schlussendlich selbst die Forderung nach einer Überbrückungshilfe für Arbeitslose in der Höhe eines Wochenlohns. Die von den Arbeitern geforderten 600,- Schilling Überbrückungshilfe entsprachen jedoch vier Wochenlöhnen einer mittelmäßig qualifizierten Arbeitskraft, lagen also deutlich darüber. Für die Streikenden und Demonstrierenden war die Forderung nach 600,- S Überbrückungshilfe ein einigendes Band und wurde sehr breit vertreten. Das begünstigte den teilweisen Erfolg ihrer Durchsetzung und in einzelnen Betrieben, wo die Kampfaktivitäten besonders stark waren, konnte sie sogar weit überschritten werden (16). Die Einheit und Solidarität der Arbeiterklasse feierten damit einen großen Erfolg, motivierten die Arbeiter und gaben ihnen nicht nur wichtige Erfahrungen und Lehren, sondern auch eine kräftige Portion Optimismus.

 

Der daraufhin im September und Oktober 1950 folgende „Oktoberstreik“, ausgelöst als Abwehrkampf gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen vom September 1950, wurde zu einem Kulminationspunkt der bisherigen Kämpfe der Arbeiterbewegung gegen das Marshall-Plan-Diktat, Inflation, Arbeitslosigkeit und verschiedene Lohn-Preis-Abkommen. Der Oktoberstreik wurde zum Kulminationspunkt, sowohl nach Umfang und Härte mit der er geführt wurde, doch auch in seinen Ergebnissen, wurde er zu einer Wende für die österreichische Arbeiterbewegung und prägt bis heute ihre politische Realität.

 

2. Der Oktobersreik 1950

 

Ein solcher Kulminationspunkt konnte der Oktoberstreik (nach Hans Hautmann (17)) vor allem wegen drei besonderer Faktoren werden:

1. Der enorme Kaufkraftverlust der Arbeiter durch die Lohn-Preis-Abkommen

2. Die Kampfbereitschaft der Massen, gesteigert durch einzelne Erfolge in vorhergehenden Kämpfen und die dabei gewonnenen Erfahrungen

3. Die aufklärende und organisierende Tätigkeit der Kommunisten.

 

Besonders zum ersten Punkt verdeutlichen einige Zahlen die Situation: Die Produktion lag 1950 schon 142 Prozent über dem Vorkriegsstand, Brot wurde mit dem vierten LPA um 26% teurer, Mehl um 64%, Semmeln um 59%, Zucker um 34%. Die Verkehrstarife stiegen um 25%, Strom ebenso, Hausbrandkohle (damals hauptsächliches Heizmittel) um 23%. (18) Die Löhne konnten da nicht mithalten und lagen im Schnitt 18% unter dem Vorkriegsniveau. Laut viertem Lohn-Preis-Abkommen wurden die Löhne nun wie folgt „angeglichen“: Lagen sie unter 1000,- Schilling wurden sie um 100,- ÖS erhöht, lagen sie darüber, betrug die Lohnerhöhung 10%, gleichzeitig wurden diese Lohnerhöhungen sofort gemindert und aufgefressen, da ebenso höhere Sozialversicherungsabgaben durch die Werktätigen zu bezahlen waren, sie allein lagen im Mittelwert zwischen 120 und 130,- ÖS (19). Schon Tage vor dem endgültigen LPA-Beschluss am 26. September enthüllte die KPÖ diese Tatsachen und machte vor allem in den Betrieben dagegen Stimmung. War in den Jahren bis 1949 die Versorgungslage überaus schlecht, also die „Kalorien nicht da“, war es nun umgekehrt: Es gab zwar Waren, aber niemand konnte sie sich leisten. (20)

 

Schon zuvor gab es heftige Erregung und Widerstand der Arbeiterklasse, in Wien gab es große Demonstrationen, in Vorarlberg einzelne kleinere Streiks. Als die Ergebnisse des vierten LPA auch durch die Medien auch offiziell bekannt wurden, gab es in der Arbeiterklasse aber kein Halten mehr… wovon die KPÖ kurioserweise überrascht wurde! Obwohl sie in ihrer Mobilisierung und Organisationstätigkeit selbst zu Streiks aufrief, massiv gegen das vierte LPA agitierte und dessen Rücknahme forderte, wie sie auch die Rückgängigmachung der Preiserhöhungen und die Verdoppelung vorgesehener Lohnerhöhungen forderte, obwohl sie auf ihrem 14. Parteitag 1949 sogar die Einschätzung traf, dass sich die wirtschaftlichen Kämpfe im Land sehr ungleichmäßig entwickeln würden, überraschte es sie, als in Oberösterreich (Steyr und Linz), allen voran in den Linzer Vöest-Werken, der Streik ausbrach. Auf den Streikausbruch in den Vöest-Werken war die KPÖ erst recht unvorbereitet, da in diesem konkreten Fall die Zusammensetzung des Betriebsrats nicht gerade für ein besonders hohes Bewusstsein der Arbeiter sprach, war dort doch neben 14 Betriebsräten die sich aus SPÖ (12) und KPÖ (2) zusammensetzten die Hochburg des „Verbands der Unabhängigen“ (VdU), einem Sammelbecken der Nationalsozialisten und Vorgänger der FPÖ, der dort mit 14 Betriebsratsmandaten ebenso stark war, wie SPÖ und KPÖ gemeinsam (21).

 

Von Linz und Steyr ausgehend, breitete sich die Massenbewegung aus, und Oberösterreich blieb der Beteiligung nach auch das Zentrum des Streiks: In Wien streikten 242 Betriebe mit 41.000 Beschäftigten, in Niederösterreich 215 Betriebe und 54.500 Arbeiter, In der Steiermark legten 25.000 und in Salzburg rund 8000 die Arbeit nieder, doch in Oberösterreich schlossen sich 60.000 Arbeiterinnen und Arbeiter dem Streik an! Damit waren alle Bundesländer mit größeren Industriezentren von der Welle des Streiks erfasst. In den anderen Bundesländern, die im Rahmen der damals allgemein sehr schwachen Industrialisierung Österreichs im Oktoberstreik eher einen Nebenschauplatz bildeten, waren es insgesamt 1.500 die die Arbeit niederlegten.

 

Zentren des Oktoberstreiks 1950

 

Der Streik entwickelte sich in zwei Wellen: vom 26. bis zum 29. September, sowie vom 4. bis zu 6. Oktober 1950. Die dazwischenliegende Unterbrechung erfolgte auf einen Aufruf der KPÖ. Doch warum rief die KPÖ dazu auf den Streik zu unterbrechen? Sie machte dafür folgende Gründe geltend: Erstens wollte sie aus agitatorischen Gründen der Regierung ein Ultimatum stellen, in einer kurzen Frist die zur Erfüllung der Forderungen zugestanden wurde, die Arbeit wieder aufnehmen. Man erwartete sich davon, dass man dadurch weitere Schichten der Massen in die Streikbewegung einbeziehen könnte und vor den Augen aller Werktätigen zeigt, dass die Regierung nicht Willens ist, die gerechten Forderungen der Streikbewegung zu erfüllen. Zweitens wollte die KPÖ die Unterbrechung dafür nutzen, eine gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz durchzuführen und bei dieser auch eine gesamtösterreichische Streikleitung zu wählen, also die Bewegung zentralisieren und durch Vereinheitlichung und bessere Organisierung des Kampfes ihre Schlagkraft zu erhöhen. Diese Ziele waren einerseits verständlich, da die Streikbewegung aber schlussendlich nach der Unterbrechung nicht mehr den Schwung zurückgewinnen konnte den sie zuvor hatte und geschwächt daraus hervorging, stellte sie sich dennoch als schwerer Fehler heraus. Die Erfahrungen mit „Massenbewegung zeigen in der Tat, dass man sie nicht auf Knopfdruck aus- und wieder einschalten kann“ (22) Weiter wog der Fehler der Steikunterbrechung insofern besonders schwer, weil dadurch die Regierung und insbesondere die SPÖ eine Verschnaufpause bekamen, sich gewissermaßen konsolidieren konnten und nun mit voller Kraft mit der Lüge vom angeblichen „kommunistischen Putschversuch“ vorpreschten. Zuvor „hatten sie das aufgrund des Faktums, dass der Streik gerade in Betrieben mit SPÖ-Mehrheit unter den Belegschaften ausgebrochen war, nicht zu behaupten gewagt.“ (23)

 

Beging die Führung der KPÖ also zu Beginn des Streiks einen „rechten Fehler“, nämlich dass sie sich offenbar nicht an ihre eigenen richtigen Einschätzungen von der ungleichmäßigen Entwicklung der Klassenkämpfe hielt und die Kraft der Arbeiterklasse sowie die Explosivität der Stimmung in den Massen unterschätzte, verfiel sie im Verlaufe des Kampfes in einen „linken Fehler“, nämlich die absolute Überschätzung der spontanen Kräfte der Massenbewegung und der eigenen Kräfte, sowie eine massive Unterschätzung des Gegners, seiner Konsolidierungsfähigkeit und seines Propagandaapparats. Die Kommunistische Partei verstand diesen Fehler, es entwickelte sich innerhalb der Partei eine Auseinandersetzung darüber, wie die gemachten Fehler zu verstehen sind und was ihre Ursachen waren. Diese Auseinandersetzung spiegelt sich in Dokumenten des Zentralkomitees wider, ebenso wie in der selbstkritischen Auswertung des Oktoberstreiks, die am 15. Parteitag 1951 zusammengefasst wurde.

 

Die Herrschenden gingen mit äußerster Härte gegen den Streik vor, sowohl politisch als auch ideologisch. Einerseits gab es die berühmten Prügelbanden des Gewerkschafters Franz Olah. Geschätzt werden sie auf eine Stärke von ca. 2000 bis 3000 Mann, zusammengesetzt aus Faschisten die die Streikenden überfielen. Sie bildeten aber nur eine „Ergänzung“ zur staatlichen Repression: „Behörden und Gewerkschafter griffen zu massiven Mitteln des Streikbruchs, der Aussperrung mit Waffengewalt, der Besetzung von Betrieben mit bewaffneter Gendamerie und Polizei (…) auch die Steyr-Werke wurden von Gendarmerie besetzt (…) Dutzende Betriebsräte in Donawitz und anderen Betrieben wurden verhaftet; in vielen Betrieben wurden Prügelgarden aufgestellt.“ (24) Dass heute in sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und allgemein in bürgerlichen Artikeln und Sendungen zum Thema in der Frage der Repression gegen die Streikenden beinahe ausschließlich von Franz Olahs faschistischen Prügelgarden die Rede ist, verwischt die realen politischen Kräfteverhältnisse, verschweigt die offizielle staatliche Repression durch Gendamerie und Polizei und lässt damit die Arbeiterbewegung und die KPÖ relativ hilflos gegenüber den Prügelbanden aussehen. Daher ist es wichtig, das reale Ausmaß der Repression zu betonen, das weit über die faschistischen Banden Olahs hinausging. Auch nach dem Streik ging es in dieser Richtung weiter: Insgesamt wurden rund 1.000 Arbeiter entlassen oder gekündigt (25), vor allem in der Vöest und in Steyr, wo sich die Zahl „Gemaßregelten“ bis 1953 fortlaufend auf 450 erhöhte. Die Vergeltungswelle dauerte mehrere Jahre an. Im ÖGB wurden 85 KPÖ-nahe Funktionäre aus Leitungsgremien und Verantwortungspositionen entfernt, auf Initiative Franz Olahs wurde überhaupt der Beschluss gefasst, dass eine Mitgliedschaft von Kommunisten in der Gewerkschaft Bau-Holz nicht erlaubt ist. Der SPÖ-Innenminister Helmer, berüchtigt für seine Nähe zu Nationalsozialisten, wollte auch den Polizeiapparat säubern, in Wien wurde er daran aber von der sowjetische Besatzungsmacht gehindert (26).

 

Straßenschlacht von Streikenden mit Holzlatten tragenden faschistischen Prügelgarden.

 

SPÖ-Propaganda von der Gefahr der Teilung des Landes als Folge des Streiks.

 

Mit der politischen Repression, dem umfassenden Einsatz von Polizei und Gendamerie (Das Bundesheer gab es damals noch nicht, weshalb Teile seiner Aufgaben von der sogenannten „Sondergendamerie“ oder auch „B-Gendamerie“ übernommen wurden), ergänzt durch die Mobilisieurng von Faschisten ind Prügelgarden, war es aber nicht getan. Die wohl weitaus wirkmächtigere Waffe der Herrschenden war ideologisch: die Putschlüge.

 

3. Die ideologische Waffe der Putschlüge

 

Wie schon 1947 (siehe oben), wurde auch 1950 vor allem durch die Sozialdemokratie und den ÖGB verbreitet, dass die Kommunistische Partei, natürlich auf „Anweisung Moskaus“ durch den Streik einen Putsch durchführen wollte. Während noch 1985 die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten von den Streikenden als „Terroristen“ sprach und auch in der Schrift „100 Jahre Gewerkschaft der Eisenbahner“ vom Streik als „Terror“ die Rede ist, gilt die Putschlüge heutzutage in breiteren Kreisen als überholt und ist durch die Gewerkschaft zumindest teilweise zurückgenommen worden. So schreibt der ausgewiesen ÖGB-nahe Historiker Peter Autengruber selbstkritisch: „Die Putschthese ging also von der Sozialdemokratie bzw. von sozialistischen Gewerkschaftern aus. Die ÖVP beteiligte sich an dieser Argumentation (…) Die Putschthese entstand gezielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges: Sie entsprang der Furcht der nicht-kommunistischen Mehrheit des ÖGB vor einer kommunistischen Machtübernahme (…) Selbst wenn bei einzelnen kommunistischen ParteigängerInnen Überlegungen zur Machtübernahme eine Rolle gespielt haben mögen, für die Zielsetzung des Oktoberstreiks spielten sie definitiv keine Rolle. Das war auch der ÖGB-Mehrheit aus SPÖ- und ÖVP-GewerkschafterInnen bewusst, als sie die wichtigsten am Oktoberstreik beteiligten angestellten und/oder gewählten Funktionäre und Funktionärinnen entließen und/oder aus dem ÖGB aussschlossen“ und er fährt, den sozialdemokratischen Historiker Oliver Rathkolb zitierend, fort: „Die Putsch-Metapher (…) diente als perfektes Instrument, um die Sozialdemokratie endgültig vom Verdacht freizuspielen, sie plane eine Einheitsfront mit der KPÖ.“ (27)

 

Doch auch wenn heute Teile der Sozialdemokratie und der Herrschenden Klasse von der Putschlüge abrücken, so nahm sie doch 1950 einen zentralen Platz im Kampf gegen die Arbeiterbewegung und ihres Aufbegehrens gegen das Lohn-Preis-Abkommen ein. Sie wurde zu einem historischen „Erinnerungsort im Abwehrkampf gegen den Kommunismus“ (28) und Generationen von Gewerkschaftern und Betriebsräten wurden in Gewerkschaftsschulen und gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen in diesem Sinne erzogen (29) - was bis heute merkbar ist.

 

Bereits am 27. September, also nach einem Tag Streik, ersuchten Innenminister Helmer (SPÖ) und Außenminister Gruber (ÖVP) die westlichen Besatzungsmächte um deren Einschreiten und bezeichneten den Streik als „Unruhe“ die „unterdrückt werden muss“ (30). Die Westalliierten hatten aber an einer Eskalation der Lage zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse. Auch die Sowjetunion wollte keine Eskalation, die ihrerseits mit einer Unterstützung der Streikenden durch die Rote Armee gegeben gewesen wäre. Doch gerade hier setzte die Putschlegende an und bezichtigte die sowjetische Besatzungsmacht der „Steuerung“ des Streiks, bzw. dass die Sowjetunion „Interesse am Streik“ hätte, wie der US-General Keyes der sowjetischen Vertretung vorwarf (31). Dieser Vorwurf war von vornherein absurd, denn der Streik begann eben gerade nicht in den sowjetisch verwalteten USIA-Betrieben, sondern in der US-amerikanischen Zone. Außerdem hatten die sowjetischen Behörden wenig Interesse daran, die unter ihrer Kontrolle stehenden USIA-Betriebe zu schädigen, wurden aus ihnen doch Reparationszahlungen geleistet. Auch Walter Stern, als Betriebsrat bei C.P. Goertz ein aktiver Teilnehmer des Oktoberstreiks, weist darauf hin, dass die sowjetischen Verwalter den Streikenden zwar „Lastwägen zu Verfügung stellten“ damit sie besser von Betrieb zu Betrieb kamen, aber damit erschöpfte sich im Wesentlichen die unmittelbare Streikunterstützung (32) Eine nachgewiesene Intervention durch die sowjetische Militärbehörde gab es aber tatsächlich: als Innenminister Helmer Gendamerie- und Polizeitruppen nach Wiener Neustadt zusammenziehen ließ, befahl die sowjetische Kommandatur deren Demobilisierung. Nicht so in den Westzonen, wo vereinzelt die österreichischen Repressionsorgane Unterstützung durch US-amerikanische Militärpolizei erhielten.

 

SPÖ und ÖGB erklärten den Streik von Beginn an für illegal, sinnlos und schädlich. Ab dem 30. September (also im Zeitraum der Streikunterbrechung) wurde dann behauptet, es gehe „nicht mehr um Schillinge oder Lohnprozente, sondern um die Freiheit unseres Landes“ (33). Damit war ein wichtiger Wendepunkt erreicht: Der Streik und Massenkampf wurde in der bürgerlichen Propaganda abgelenkt von den gerechten Tagesforderungen und Zielen, Gegenstand wurde jene „Freiheit und Selbstbestimmung“ Österreichs, wie sie vom US-Imperialismus verstanden wurde. Dem entgegen stand das Eintreten der Kommunisten für die Ziele der Streikbewegung, für nationale Selbsbestimmung, gegen die Lohn-Preis-Abkommen, also ein Gegenentwurf der die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs wesentlich unter der Führung der Arbeiterklasse gebracht hätte. Der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Fritz Klenner schrieb damals dazu: „Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, daß die Kommunistische Partei zum Schlag gegen die demokratische Republik auszuholen versucht. Ihr Plan geht dahin, die Leitung des Gewerkschaftsbundes und der angeschlossenen Gewerkschaften in ihre Hände zu bringen und damit die gesamte Gewerkschaftsbewegung, das stärkste Bollwerk der Demokratie in diesem Lande überhaupt, zu beherrschen. Mit Hilfe dieses Instruments soll dann, wie dies in unseren Nachbarländern geschah, die Regierung gestürzt und die Volksdemokratie errichtet werden.“ (34) Gleichzeitig erließ der ÖGB-Vorstand am 5. Oktober den Aufruf „Gewalt gegen Gewalt“. In diesem rief man ganz offen zur Anwendung von massiver Gewalt gegen die Streikenden auf: „Alle Mittel, welche die Terroristen anwenden, um euch zum Streik zu zwingen, müssen auch in der Verteidigung gebraucht werden. Setzt der Gewalt die Gewalt entgegen und verteidigt euren Betrieb!“ (35)

 

Doch gab es vielleicht einen bestimmten Anlass für das Entstehen der Putschlüge, steckt in ihr möglicherweise ein Körnchen Wahrheit? Nein. Auch wenn es vereinzelte regionale Aktionen lokaler KPÖ-Einheiten gab, die über den ökonomischen Kampf hinausgingen. So wusste „Franz Loistl, Zentralbetriebsratsobmann im Zistersdorfer Erdölgebiet, von einer ‚Reihe von Leuten‘ zu berichten, die sich ‚während des Streiks nicht an die Anweisungen des Streikkomitees gehalten haben und ultralinke Einstellungen hatten.‘“ (36) Und auch der schon erwähnte Walter Stern berichtet Ähnliches (37). Hubert Friesenbichler (Funktionär der KPÖ sowie der Freien Österreichischen Jugend), damals Kulturreferent des Betriebsrats im Wiener Kabel- und Metallwerk Floridsdorf, konnte ebenso keine Putschabsichten erkennen, sondern: „dass ein Gendamerieposten in Gänserndorf besetzt worden sei, wurde bei Gesprächen in der Bezirksleitung eher als heitere Anekdote denn als eine ernstzunehmene Aktion aufgefasst.“ (38)

 

Natürlich gab es von vielen Genossen die Hoffnung auf „größere Dinge“ und selbstverständlich sah man den Streikkampf und die Massenbewegung in der KPÖ als hervorragende Bewegung die eine Entwicklung hin zur Volksdemokratie erleichtern würde. Aber nicht am Wege eines Putsches, sondern im Kampf um die Arbeitereinheit, die von der KPÖ als Voraussetzung dafür begriffen wurde, um überhaupt zur Volksdemokratie gelangen zu können. Zu behaupten, dass zumindest ein relevanter Teil, oder eine bestimmte Linie in der Kommunistischen Partei Putschpläne verfolgte, ist nichts als eine Lüge, daher schärfstens zurückzuweisen und es ist natürlich kein Zufall, dass von Seiten reaktionärer Kräfte bisher kein einziger Vertreter der KP-Führung genannt werden konnte, der sich positiv auf Putschpläne bezogen hätte. Auch strategisch wäre ein Putsch vollkommener Irrsinn gewesen, was selbst der rabiat antikomunistische, freiheitliche Historiker Lothar Höbelt feststellen muss: „Ein klassischer Staatsstreich hätte in einem Land, in dem die militärische Gewalt ausschließlich bei den Besatzungsmächten lag, freilich auch gar keinen Sinn.“ Und einer der führenden bürgerlichen Militärhistoriker, der ebenfalls kommunistischer Sympathien vollkommen unverdächtige Manfred Rauchensteiner räumt ein: „...an einen Staatsstreich konnte wohl nur ein Phantast glauben.“ (39) soweit zur realistischen Beurteilung.

 

Für SPÖ und ÖVP war die Putschlüge aber bitter notwendig, denn es ging darum den Einfluss in den Gewerkschaften vollständig in sozialdemokratische Hand zu bringen (mit einigen starken Reservaten für ÖVP-Funktionäre) und damit die Konstituierung der Sozialpartnerschaft abzuschließen, bzw. nicht zu gefährden. Der schon zitierte Fritz Klenner, lange Zeit ÖGB-Verantwortlicher für Bildung und Gründer des gewerkschaftseigenen Verlags, also ideologisch einer der führenden Funktionäre des ÖGB, war wesentlicher Einpeitscher der Putschlüge, stellte Jahre später aber ganz freimütig fest: „Es handelte sich sicherlich nicht um einen politischen Putschversuch, aber ein Erfolg der Kommunisten hätte zu ihrem wachsenden Einfluss im Gewerkschaftsbund geführt“und weiter: „Die Streiks und Arbeitnehmerunruhen von 1950 waren sicherlich groß, aber kein Putsch; das muss heute der Wahrheit halber anerkannt werden. Es war eine verständliche Reaktion, insbesondere der kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre, gegen die Lohn- und Preisabkommen, der sich der Großteil der nicht-kommunistischen Arbeiter und Angestellten angeschlossen hatten.“ (40) Die Putschlüge wurde ab den 70er und 80er Jahren von allen ernstzunehmenden demokratischen Historikern in Abrede gestellt und als das benannt was sie war: eine propagandistische Lüge! Auch wenn es in gewissen gewerkschaftlichen und demokratischen Kreisen (und in Einzelfällen auch darüber hinaus) eine Tendenz dazu gibt, die Putschlüge klar zurückzuweisen, lässt sich doch auch ein gegenteiliger „Trend“ feststellen. Denn seit den 1990er Jahren kommt es durchaus auch zu einem bestimmten Revival der Putschlüge, beginnend bei reaktionären Historikern wie Roman Sandgruber (Vorstand des Linzer Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Mitglied der KÖHV Amelungia zu Wien), Wilhelm Brauneder (ehemaliger Dritter Nationalratspräsident, FPÖ) bis hin zur Gewerkschaft Bau- Holz, die 1995 bei ihrer damaligen Zentrale eine Tafel enthüllte auf welcher der Niederschlagung des Oktoberstreiks als dem „Kampf um die Freiheit Österreichs“ gedacht wird. Für gewisse Kräfte ist die Putschlüge also nach wie vor aufrecht, in gewissen Formen kommt sie daher auch immer mal wieder in bürgerlichen Abhandlungen zum Thema vor, da eine zwar kleine, doch überaus einflussreiche reaktionäre Minderheit sie weiter aufrecht erhält.

 

Ein weiterer bedeutender und noch heute überaus lebendiger Faktor im ideologischen Kampf des Kapitals gegen den großen Streik vom Oktober 1950, waren die diversen Propagandalügen der Totalitarimustheorie (also der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus), sowie der von ihr als sozialdemokratische Spezialität abgleiteten Theorien über ein angebliches Zusammengehen von Kommunisten und Faschisten gegen die liberale, bürgerliche Demokratie (Eine Theorie die heute nicht selten als „Querfront“ bezeichnet wird). Schon beim Streik 1947 wurde – wie oben erwähnt – die Putschlüge vom angeblich „durch die Kominform gesteuerten“ Streik wesentlich durch sozialdemokratische Organe verbreitet, auch das erfolgte aber nicht ohne die Kommunisten mit den Nazis in Verbindung zu setzen: „Einige Kominformjünglinge spielen dieser Tage den ‚großen Generalstab‘ (…) und hecken etwa folgenden Plan aus: Einige (ferngelenkte) Frauen sammeln sich in Kampfenberg. (…) Nachdem die Kommunisten einsahen, daß die obersteirischen Arbeiter ihren demagogischen Schreiereien kein Gehör schenkten, änderten sie ihre Taktik und gingen zu einem vom Ausland befohlenen Terror über. Eine große Zahl von Kommunisten mußte aus der Partei austreten, um bei den geplanten kommenden Zwischenfällen nicht als KP-Angehörige vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen zu müssen. Diese Leute werden dann nach Niederösterreich in Parteischulen geschickt, wo sie im Terrorhandwerk vollendet ausgebildet werden, um dann als die SS-Terrorgruppen der KPÖ zurückzukehren (…) Nach den Prinzipien des faschistischen Terrors, mit wenigen geschulten Kräften einen Umsturz in den Betrieben hervorzurufen, versucht also auch die KP Unruhe zu stiften. So wurde der Streik in Kapfenberg zum Großteil von werksfremden Kommunisten (provoziert …) durch Einschüchterung der Arbeiter, indem ihnen mit Verschleppung und den Russen gedroht wurde. (…) Die KP nutzt diese Situation aus und plant auf Grund eines Befehls des ZK für die Mitte des Monats ein den meisten österreichischen Industrieorten größere Unruhen zu inszenieren (…) Wenn das geschieht, sollen die Männer aus den Betrieben geholt, zu Streik und Umsturz aufgerufen werden, um auch in Österreich eine ‚Volksdemokratie“ zu errichten.“ (41) In dieser Linie propagierte die SPÖ auch im Oktoberstreik, als sie in ihrer Theoriezeitschrift „Die Zukunft“ zuerst von einem „Septemberputsch“ phantasierte, und sich dann sogar dazu steigerte festzuhalten, dass dieser Putsch durch eine „kommunofaschistische Einheitsfront“ (!) realisiert werden sollte (42). Damit begegnete die Sozialdemokratie dem Umstand, dass beispielsweise in der Vöest der VdU die Betriebsratsmehrheit hatte und VdU-Mitglieder in einzelnen Aktionen der Streikenden (insbesondere in Oberösterreich und der Steiermark) prominente Rollen einnahmen, wenngleich diese v.a. den Kommunisten zugeschrieben wurden.

 

Zum Ende und den Ergebnissen des Oktoberstreiks

 

Der Streik fand, beginnend mit der Unterbrechung, keine Dynamik mehr und verlief fortan im Sand. Ein Erfolg war aber zweifellos, dass es die Herrschenden für mehrere Jahre nicht mehr wagten, ein weiteres Lohn-Preis-Abkommen abzuschließen. Die 1951 stattfindenden Betriebsratswahlen brachten darüber hinaus ein von KPÖ, insbesondere aber von ihren Gegnern, nicht erwartetes Ergebnis – nämlich die sprunghafte Steigerung des Einflusses der Kommunistischen Partei in den Betrieben und innerhalb der Volksmassen. Insbesondere in den Linzer Vöest-Werken leitete der Oktoberstreik auch den Niedergang des Einflusses des VdU in den Betrieben ein, auch das war ein bedeutender Erfolg.

 

„Und obwohl sie in der Gewerkschaft durch Ausschlüsse und in den großen Betrieben durch Entlassungen Positionen einbüßte, festigte sie in der Folge ihr Ansehen in der Arbeiterschaft. Bei den Betriebsratswahlen in der VÖEST 1951 steigerte sich ihr Anteil unter den Arbeitern , verglichen mit 1949, von 9,5 auf 30,3 Prozent, bei den Angestellten von 7,7 auf 14,2 Prozent. In den VÖEST-Abteilungen Stahblau, Maschinenbau I und im Stahlwerk wurde die Liste der Gewerkschaftlichen Einheit [KPÖ-nahe Gewerkschaftsliste – Anm.] sogar zur stärksten Fraktion. Es war der größte Wahlerfolg in der Geschichte des Werkes überhaupt, und er zeigte, dass die Arbeiter und Angestellten der VÖEST jenen Kollegen das Vertrauen aussprachen, die im September und Oktober 1950 bis zuletzt an ihrer Seite gestanden waren. Dasselbe zeigte sich in Steyr, wo die Kommunisten bei den Betriebsratswahlen 1951 mit 2.055 Stimmen die höchste Stimmenanzahl erreichten, die sie dort je hatten, und mit acht Mandaten in den Arbeiterbetriebsrat einzogen. Ebenso war es in anderen österreichischen Industriebetrieben. Auch auf politischer Ebene äußerte sich dieser Trend. Gottlieb Fiala, der wenige Monate nach seinem Ausschluss aus dem ÖGB als kommunistischer Kandidat bei den Bundespräsidentenwahlen antrat, erhielt im Mai 1951 220.000 Stimmen, die höchste Stimmenzahl, die die KPÖ bei Wahlen in ihrer Geschichte jemals erreichte.“ (43)

 

4. Die Lehren des großen Oktoberstreiks

 

Einige wichtige spezifische Lehren dieses große Streiks lassen sich überblicksmäßig wie folgt zusammenfassen:

 

1.) Der Ausgang des Streiks markierte auch das vorläufige Ende des Kampfes um die gesellschaftliche Ausrichtung Österreichs in dieser Periode der Klassenkämpfe. Er zementierte die „Westintegration“ als Entwicklungsweg unter der Hegemonie des USA-Imperialismus. Er brachte eine Entscheidung im Kräftemessen darüber, welche Klasse die Auseinandersetzung um Souveränität Österreichs führt: die Bourgeoisie. Damit wurde auch der Weg für die folgende EWG-Integration und später den EU-Beitritt vorgezeichnet.

 

2.) Der Oktoberstreik stellte die in Herausbildung begriffene Sozialpartnerschaft massiv in Frage und hatte ihre Aufhebung zum Ziel. Dass das nicht gelang, kennzeichnete die Politik der österreichischen Arbeiterbewegung in der Zweiten Republik und führte zur Etablierung des für die Grenzländer des Marshall-Plan-Systems zu den Volksdemokratien typischen Regierungssystems von Rot/Schwarz (bzw. umgekehrt).

 

3.) Der Antikommunismus wurde zu einem ideologischen „Grundkonsens“ der Zweiten Republik, nicht nur in der Bourgeoisie, sondern auch deutlich über sie hinaus, was wesentlich durch die Sozialdemokratie gelang. Dieser „Grundkonsens“ wurde erst mithilfe der Putschlüge und der nach dem Oktoberstreik vollständig durchgesetzten Führung der Bourgeoisie in der nationalen Frage etabliert und war nicht, als vermeintliche nationale Eigenart oder Ähnliches, „immer schon da“, wie es von linskliberaler Seite gerne heißt.

 

4.) Die Vorwürfe von einer angeblich gemeinsamen Front der KPÖ mit Nazis und „linkem Antisemitismus“, wurden als ideologische Waffe gegen die Kommunisten und gegen selbstbestimmte Aktionen der Arbeiterklasse und Volksmassen genutzt. Diese Art von Propagandalügen wurde (ebenso wie die schon in der Monarchie angewandte Putschlüge) für die Nachkriegsverhältnisse systematisiert und methodisiert.

 

5.) Die Kommunistische Partei erreichte eine Stärkung innerhalb der Betriebe, eine Stellung, die sie über lange Jahre in der Zweiten Republik als relatives Spezifikum gegenüber einer ansonsten allgemeinen politischen Schwäche, behalten sollte.

 

 

Der Hammer

 

Hammer, fliege – Hammer, töne!

Thor, der Gott, und Königssöhne

haben schon in alten Tagen

kräftig mit Dir zugeschlagen!

Und Du wurdest vor dem Schwert,

in der Vorzeit hoch geehrt.

 

Götter gaben Dich als Spende

in der Menschen willige Hände,

eine Welt hast Du entriegelt,

wichtig Ding und Tun besiegelt.

Und noch heut ist jeder Schlag

heilig wie am ersten Tag!

 

Hammer, töne – Hammer, klinge!

Denn ich spür, wenn ich Dich schwinge,

wenn die Schläge niederfallen,

mächtiger Götter Wohlgefallen.

Hammer, Du, in meiner Hand:

bist des Glückes Unterpfand!

 

- Hans Heidenbauer

(Im Schatten der Schlote, 1947)

 

 

 

Quellen:

 

(1) Hans Hautman: Der Platz des Oktoberstreiks in der österreichische Geschichte. Referat auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „Der große Streik des September/Oktober 1950“, 30. September 2000.

(2) Richard Zach: Bleibt stark! In: Richard Zach, Der Weg ins Licht, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien, ohne Jahresangabe, S.12

(3) Vgl. dazu: Gruber, Ronald; Hörzinger, Manfred: ...bis der Preistreiberpakt fällt. Der Massenstreik der österreichischen Arbeiter im September/Oktober 1950. Alois Wieser, Wien, 1975, S.8

(4) Gruber/Hörzinger 1975, S.9

(5) Autengruber, Peter; Mugrauer, Manfred: Oktoberstreik. Realität hinter den Legenden über die Streikbewegung im Herbst 1950. ÖGB-Verlag, Wien 2017, S.12

(6) Gruber/Hörzinger 1975, S.10

(7) Ischl… Wie es war. Stern-Verlag, Wien 1947, S.3-19

(8) Das Möglicheit eines von den US-Imperialisten und Großbritannein provozierten Bürgerkriegs wie in Griechenland, war damals durchaus eine tatsächliche Möglichkeit und nicht vom Tisch zu wischen. Die KPÖ beschäftigte sich insbesondere in der Zeit rund um ihren 14. Parteitag (1949) mit dieser Gefahr und behandelt die Frage in mehreren Artikeln und Dokumenten.

(9) Sepp Plieseis (1933-1966). Eine Dokumentation der KPÖ-OÖ. Eigenverlag, Linz 2015, S.36

(10) Autengruber/Mugrauer 2017, S.12

(11) Ebd.

(12) Rauchensteiner, Manfred nach: Autengruber/Mugrauer 2017, S.13

(13) Ebd.

(14) Gruber/Hörzinger 1975, S.16

(15) Gruber/Hörzinger 1975, S.17

(16) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(17) Hans Hautmann, 2000.

(18) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(19) Gruber/Hörzinger 1975, S.20

(20) Hans Hautmann, 2000

(21) Die derart ungewöhnliche Zusammensetzung des Vöest-Betriebsrats hat ihren Grund darin, dass die Arbeit im Stahlwerk einerseits besonders viel hochqualifizierte Arbeit erforderte, also Arbeitskräfte die nicht leicht zu ersetzen waren. Daher hatten die Vöest-Werke während der Herrschaft des deutschen Faschismus einen besonders hohen Anteil an Arbeitskräften die als „produktionsnotwendig“ vom Kriegsdienst befreit waren und nicht selten auch über gute Kontakte in die NSDAP verfügten. Diese Arbeitskräfte konnten auch nach der Befreiung ökonomisch nicht schnell ersetzt werden, außerdem gab es in der US-kontrollierten Zone eine Entnazifizierung nur in homöopatischem Ausmaß, d.h. es fehlte auch der politische Wille der alliierten Besatzungsmacht, weshalb sich dort über mehrere Jahre hinweg der VdU stark etablierte. Eine diesbezügliche Wende setzte erst mit den Oktoberstreik ein.

(22) Hans Hautman, 2000

(23) Ebd.

(24) Ebd.

(25) Ebd.

(26) Ebd.

(27) Autengruber/Murgauer, 2017, S.44 und 48

(28) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.8

(29) Autengruber/Mugrauer 2017, S.45

(30) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(31) Ebd.

(32) Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrats. ÖGB-Verlag, Wien, 2014, S.148

(33) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(34) Fritz Klenner in: „Putschversuch – oder nicht?“ zit. Nach: Rote Fahne, Nr. 242, Jänner 1991, S.33

(35) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.4

(36) Ebd., S.5

(37) Vgl. dazu: Walter Stern, s.o., S.144-144

(38) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.5

(39) Ebd., S.2

(40) Fritz Klenner, zit. nach: Autengruber, in: Autengruber/Mugrauer 2017, S.46-47

(41) Neue Zeit. Tageszeitung der SPÖ Graz. Artikel: „Der Durchbruch“ und „KP-Pläne für den 15. September“. Beide in der Ausgabe von 12. September 1948, S.1-2 Zit. nach: Rote Fahne, Nr.242, Jänner 1991, S.32

(42) Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ 1945-1955. Vienna University Press 2020, S.649

(43) Hans Hautman, 2000

 

Der folgende Text entstand im Oktober 2020 im Rahmen eines internen Seminars anlässlich des 70. Jahrestags des großen Oktoberstreiks. Bisher wurde er als Zirkular verbreitet, nun machen wir ihn mit geringfügigen Überarbeitungen anlässlich des 21. Jahrestages der Öffentlichkeit zugänglich.

 

- Redaktion des Vorboten, Oktober 2021

 

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Der Oktoberstreik – Entwicklung, Verlauf und Lehren.

 

 

 

 

„Der Streik, der vor fünfzig Jahren, im September und Oktober 1950, stattfand, war der größte Streik der österreichischen Nachkriegszeit und eine der bedeutendsten Kampfaktionen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Er mutet heute, nach einer jahrzehntelangen Periode, in der Streiks zu höchst seltenen Ausnahmen wurden, der davon geprägten Öffentlichkeit als etwas Fernliegendes, Exotisches, historisch ein für allemal Abgeschlossenes an, als Ereignis, das völlig aus dem Rahmen österreichischer Normalität fällt. Die historischen Tatsachen zeigen ein anderes Bild, nämlich daß die österreichische Arbeiterbewegung eine lange und reiche Tradition des Streikkampfes besitzt. Von den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnend über die Massenstreiks für das allgemeine Wahlrecht, die Teuerungsdemonstrationen von 1911, die riesenhaften Aufstände im Ersten Weltkrieg mit dem Höhepunkt des Jännerstreiks 1918 und die zahlreichen Streikkämpfe der Eisenbahner, Bergarbeiter, Metallarbeiter und Textilarbeiterinnen in der Ersten Republik setzten sich diese nach 1945 fort. Im Februar 1946 mit den ersten Streiks gegen den Lebensmittelmangel in Fohndorf und Wien anhebend, mündeten sie über die große Hungerdemonstration in Wien im Mai 1947 in den Jahren 1948 bis 1950 in eine Welle erbitterter Klassenkämpfe mit einer Vielzahl von Streiks und militanten Demonstrationen, die zu den Perioden der intensivsten Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung überhaupt gehört. Von Gemütlichkeit als der in Österreich angeblich obwaltenden Haupteigenschaft war da nichts zu bemerken.“ (1)

- Hans Hautmann

 

BLEIBT STARK!

 

Es kommt der Tag, an dem sich alle Tore öffnen!

Verzweifelt nicht! Bleibt imer stark! Er naht!

Und wenn sie uns mit Ketten bänden -

die längste Nacht muß einmal enden!

Es komt der Tag! Es komt der Tag!

 

Millionen warten, Sehnsucht, heiligen Haß im Herzen

wie ihr, Genossen, ihr! Schöpft daraus Mut!

Die härteste Gewalt wird brechen!

Zuviel der Not, sie muß sich einmal rächen!

Denn unter Scheiterhaufen glost die Glut!

 

Schon über Nacht kann sie ein Meer von Flammen werden.

Verliert niemals den Glauben an den Sieg! Harrt aus!

Bald werden wir uns alle Rechte holen,

die uns die frechen Schergen tausendmal gestohlen!

Bald kommt der Tag! Bald kommt der Tag! (2)

- Richard Zach

 

 

1. Internationale und nationale Bedingungen des Oktoberstreiks.

 

Die internationalen Bedingungen

 

Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs brachten tiefgreifende Veränderungen in der Weltlage. Einerseits konnten dabei Sozialismus und Antiimperialismus große Fortschritte, regelrechte Sprünge erzielen. Besonders drückte sich dies mit den Volksdemokratien aus, die (auf dem Weg zum Sozialismus) mit dem Kapitalismus brechen konnten und eine enorme Vergrößerung des sozialistischen Lagers mit sich brachten. Dieser neue Typus an Staatsform, geführt vom Proletariat, wurde von der DDR über Ungarn bis nach China errichtet. Nie zuvor und niemals danach erreichte das sozialistische Lage eine dermaßen große Ausdehnung, wie in dieser Zeit. Doch es gab auch negative Entwicklungen nach der Niederschlagung des Faschismus. Im Westen, dem Lager des Imperialismus, wird die USA bis in die 1950er Jahre als Erbe Großbritanniens zur neuen Hegemonialmacht, zum weltweit führenden Imperialisten. Die USA sind es auch, die als einziges kapitalistisches Land politisch und ökonomisch gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen.

 

Im West- und Teilen Mitteleuropas blieb trotz aller Zerstörungen und der ökonomischen Zerrüttung ein gewisses Niveau entwickelter Produktivkräfte, das Potenzial eines riesigen europäischen Marktes und damit das Potenzial der enormen Konsumtionsfähigkeit des Kapitals, wenn dieser Markt durch Reorganisierung und „Wiederaufbau“, durch eine gewisse Konsolidierung wieder aufnahmefähig werden würde. Damit wurde Europa zum Angelpunkt der ökonomischen und politischen Neuverteilung der imperialistischen Einflusssphären und der Vormachtstellung der USA (3).

 

Gleichzeitig spizten sich die Konflikte zwischen den nach Unabhängigkeit und Freiheit strebenden Völkern und den Imperialisten, die alles dafür taten, eine weitere Ausbreitung des sozialistischen und antiimperialistischen Lagers zu verhindern, massiv zu. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich der Griechische Bürgerkrieg (1946-1949) und der Koreakrieg (1950-1953). Letzterer wurde zur ersten großen Niederlage der USA in der Zeit nach 1945 und lieferte damit schon eine Skizze der über Jahrzehnte anhaltenden Probleme der USA, auf die der „Koloss auf tönernen Füßen“ insbesondere bei seinen Interventionskriegen in Asien stoße sollte.

 

Kernstück der Expansionspläne der USA in Europa war der ökonomisch-politische Marshallplan (ERP, European Recovery Program), der auf die militärische Truman-Doktrin folgte. Der Marshallplan war kein Akt eines Samariters und entsprach natürlich auch nicht den Bedürfnissen der europäischen Völker, sondern folgte den politischen und ökonomischen Interessen des USA-Imperialismus. Die darin „enthaltenen amerikanischen Kredite und ‚Geschenke‘ waren (…) schon so bemessen, dass die Teilnehmerstaaten am ERP in Abhängigkeit von den USA geraten mussten. (…) Die ökonomische Zusammenfassung der kapitalistischen Länder Europas und die Blockbildung gegen das sozialistische Lager bedingten sich gegenseitig; ein westlicher Militärblock wurde mit der Gründung der NATO 1949 geschaffen. Die zunehmende Verschmelzung der ökonomischen und militärischen(…) Seite der ‚Wirtschaftshilfe‘ zeigt sich im eindeutigen Übergewicht der Rüstungshilfe gegenüber der Wirtschaftshilfe: im Haushaltsjahr 1951/52 waren für Europa 5,24 Milliarden Dollar an Militärhilfe und 1,65 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe vorgesehen.“ (4)

 

Das vormalige faschistische Zentrum der weltweiten Reaktion, Deutschland, drückte wie kaum ein anderes Land in Europa diese Lage und das Kräfteverhältnis internationaler Widersprüche wie kein zweites aus, denn 1949 erfolgte unter Führung und auf Drängen der USA und Großbritanniens die Gründung der BRD, erst daraufhin (und nicht wie in der bürgerlichen Populärgeschichte meist dargestellt) wurde in der sowjetischen Zone mit Gründung der Deutsche Demokratischen Republik geantwortet. Die Teilung und Spaltung Deutschlands erfolgte daher als Teil eines Vorstoßes der führenden Imperialisten gegen die Kräfte des Fortschritts, welche sich im weltweiten Kampf gegen den Faschismus entwickelten und trotz eines enormen Blutzolls gestärkt daraus hervorgingen.

 

Die nationalen Voraussetzungen

 

Im Kampf gegen Kommunismus und Antiimperialismus nahm Österreich einen überaus wichtigen Platz in der US-Strategie und damit im Marshall-Programm (das am 2. Juli 1948 von Österreich und den USA unterzeichnet wurde) ein. Daher sind hier zwischen 1948 und 1953 auch die höchsten pro-Kopf-Zahlungen aller Marshall-Plan-Teilnehmerländer festzustellen, nämlich 900 Mio. US-Dollar.

 

 

 

Die Propaganda für den Marshall-Plan ähnelt außergewöhnlich stark der heutigen EU-Propagnda.

 

Kurz vor der Unterzeichnung des Marshall-Plans durch die österreichische Bundesregierung aus ÖVP/SPÖ kam es 1947 zu einer Währungsreform, die von den Regierungsparteien unter Schirmherrschaft der West-Alliierten durchgeführt wurde. Die KPÖ lehnte diese Reform als Enteignungsprogramm ab und trat aus der gemeinsamen, nach der Befreiung 1945 gebildeten Regierung der „demokratischen Einheit“ aus, da die Währungsreform laut Bundesminister Karl Altman „Wieder nur die Geldeigentümer und nicht die Sacheigentümer“ (5) traf.

 

Der Bargeldbesitz war durch Wechsel im Zuge der Reform hauptsächlich von Entwertung betroffen, neue Konten hingegen, die damals v.a. durch Nachkriegsgewinnler, Händler, Spekulanten und Schwarzhändler angelegt werden konnten, blieben unberührt, da ihre Einlagen (im Gegensatz zum Bargeld) beinahe ohne Wertverlust gewechselt wurden (6). Die Währungsreform war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Austritt der KPÖ aus der gemeinsamen Regierung wurde damit besiegelt, doch er war insgesamt das Resultat von sich schon längere Zeit verschärfenden Widersprüchen zwischen KPÖ und ÖVP/SPÖ, die gemeinsam mit den Westalliierten alles daran setzten, die KPÖ zurückzudrängen und zu diskreditieren.

 

Vorläufiger Höhepunkt dieser Politik war das gezielte politische Ausschalten und Beseitigen von bekannten Widerstandskämpfern, Kommunisten und Partisanenführern, wie es 1947 im oberösterreichischen Salzkammergut geschah. Die Ernährungslage war zu diesem Zeitpunkt überaus kritisch, unter anderem herrschte ein akuter Milchmangel, was insbesondere für die Kinderversorgung schwerwiegende Folgen hatte. Es folgten kleinere Kundgebungen, die gegen diesen Zustand protestierten, bis sich der Unmut der Bevölkerung in einer größeren Demonstration ausdrückte bei der eine Frauendelegation eine Resolution vorlegte in welcher die Sicherstellung der Milchversorgung von den lokalen Behörden, insbesondere aber vom US-Militär gefordert wurde. Demonstrantinnen und Demonstranten nahmen sich den Balkon des Rathauses und hielten von dort aus Reden, bei welchen aber auch Vertreter der lokalen Behörden am Balkon anwesend waren. Ein Teil der Demonstranten löste sich aus der Menge und setzt seine Demonstration durch Bad Ischl fort. Die US-amerikanischen Besatzungstruppen hatten die Situation nicht mehr im Griff und sehen sich mit großen Protesten gegen ihre Versorgungspolitik konfrontiert. In den Tagen nach diesen Ereignissen wurde zuerst die militärische Präsenz der US-Truppen im Salzkammergut und in Linz erhöht. Daraufhin kommt es zur Verhaftung von mehreren Personen, unter ihnen Maria Sams, die 1879 in Ischl geborene Arbeiterin die auch im Februar 1934 kämpfte, in diesen Tagen zur KPÖ übertrat und nach 1945 als „Partisanenmutter“ bekannt war, da sich auch als ältere Frau eine wichtige Funktion im Widerstandskrieg gegen den deutschen Faschismus einnahm. Ein weiterer der Festgenommenen war Raimund Zimpernik, ebenfalls ein Bad Ischler Arbeiter, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand 1941 von der Gestapo verhaftet wurde und bis zur Befreiung in diversen Konzentrationslagern eingesperrt war. Er wurde zu 15 Jahren Kerker verurteilt, Maria Sams ebenso zu mehreren Jahren. Insgesamt wurde gegen vier der Angeklagten 28 Jahre Kerker verhängt. Die US-amerikanischen Behörden rechtfertigten dies damit, dass die Angeklagten in ihren Reden und durch die Frauenpetition (die unter anderem von Maria Sams initiiert war) „aufgewiegelt“ hätten, sowie die Demonstration auch antisemitisch gewesen und immer wieder judenfeindliche Parolen zu hören gewesen seien. Obwohl im ganzen Gerichtsprozess kein Beweis für die angebliche „Aufwiegelei“ gebracht werden konnte (selbst der damalige Bezirkshauptmann sagte aus, dass von „Aufwiegelei“ keine Rede gewesen ist) und auch die angeblichen antisemitischen Ausfälle von niemand anderem als von Angehörigen der US-Militärbehörden (also der Anklage) wahrgenommen werden konnten, wurden Kerkerstrafen ausgesprochen. Das führte zu einer Welle der Entrüstung in der Arbeiterklasse und unter Teilen der demokratischen Kräfte. Die Journalistengewerkschaft protestierte entschieden, da sie noch dazu vermleden musste, dass Journalisten vom Prozess ausgeschlossen wurden, der KZ-Verband legte ebenfalls schärfsten Protest gegen die Verurteilung der Antifaschisten durch ein US-Militärgericht ein. Die lokalen Organisationen aller drei Nachkriegsparteien (ÖVP, SPÖ, KPÖ) im Salzkammergut forderten die sofortige Freilassung der Inhaftierten und sämtliche Betriebsräte der Metallindustrie Oberösterreichs forderten den Gewerkschaftsbund geschlossen dazu auf, für den Protest gegen dieses Urteil auch den Weltgewerkschaftsbund zu mobilisieren. Bei einer Kundgebung in Knittelfeld meinte selbst der SPÖ-Nationalratsabgeordnete Eibegger: „Es ist das letzte Mal, daß die Arbeiterschaft sich mit einem Protest begnügt!“ und in Sankt Pölten trugen Arbeiter bei einer Protestkundgebung ein Transparent mit der Parole: „Ein Viertelliter Milch – 15 Jahre Zuchthaus. Das ist die erste Rate des Marshall-Plans!“ (7). Es war offensichtlich, dass die Situation für die Herrschenden und die US-Militärbehörde zu eskalieren drohte und dass die Sozialdemokratie Gefahr lief, die Kontrolle über wichtige Sektoren der von ihr Organisierten Massen zu verlieren. Die Verurteilten wurden daher nach einer lange anhaltenden Protestwelle begnadigt. Dies erfolgte auf direkte Intervention des ÖVP-Bundeskanzlers Figl bei den US-Militärbehörden. Figl wies ausdrücklich darauf hin, dass die österreichischen Parteien die Situation bald nicht mehr kontrollieren könnten und warnte vor „griechischen Verhältnissen“, also einem Bürgerkrieg (8).

 

Die „Partisanenmutter“ Maria Sams

 

Protestkundgebung für die Freilassung Raimund Zimperniks, Wien

 

Dem sogenannten „Ischler Milchprozess“ folgte eine weitere Propagandawelle, die von den US-Behörden gemeinsam mit der westdeutschen Presse geführt wurde. Zugespitzt war sie vor allem auf den ehemaligen Anführer der Partisanen des Salzkammrgut im Toten Gebirge, Sepp Plieseis. Dieser flüchtete während des „Milchprozesses in die sowjetische Zone, ebenso seine Frau, da beide auf den Verhaftungslisten der US-Militärs standen. Doch die gegen ihn und sein hohes Ansehen in der Bevölkerung gerichtete Kampagne riss nicht ab. Noch 1952 beschrieb ihn das deutsche Magazin „Der Spiegel“ als „Berufsrevolutionär und Terrorist“, der ein „Wegbereiter für eine mögliche sowjetische Gesamtoperation im europäischen Raum“ sei. Sepp Plieseis und seine Partisanen seien die „Fünfte Kolonne im Salzkamergut. Bis zum nächsten Jahr muss auf Weisung von Moskau hin das Tote Gebirge eine sowjetische Insel im westlichen Meer sein!“ (9), sparten die Schmierer des „Spiegels“ nicht mit Phantasie im Dienste imperialistischer US-Interessen.

 

Im Juli 1948 unterzeichnete die von ÖVP und SPÖ gebildete Bundesregierung den Marshallplan (ERP) und akzeptierte damit daran geknüpfte Bedingungen, beispielsweise: Stabilisierung der Währung, ausgeglichener Staatshaushalt, hohe Unternehmensgewinne die Investitionen anregen sollen, Löhne niedrig halten, Konsum einschränken (10). Die Ziele und Zwecke der ERP-Gelder wurden dabei alleine durch die USA bestimmt. „Als die österreichische Regierung 150 Mio. für den Bau von Wohnungen beantragte, wurde dieser Kredit auf Weisung von Washington nicht bewilligt“ ebenso wurde der Wiederaufbau einer eigenen Autoindustrie verweigert und der österreichischen Autoproduktion nur „die Rolle eines Zulieferers und des Absatzmarktes für Autos eingeräumt“ (11). Diese Rolle und Industriezusammensetzung besteht bis heute und wird beispielsweise in Entwicklungen wie bei MAN-Steyr, oder Magna immer wieder deutlich spürbar.

 

Diese durch den Marshall-Plan und nach den strategischen Plänen der USA für Europa geformte ökonomische Zusammensetzung wurde durch die Verstaatlichten-Politik der SPÖ (insbesondere die viel gelobte „Ära Kreisky“) nicht aufgebrochen, sondern ausgebaut, insbesondere in Abstimmung mit westdeutschen Monopolen, die eine sehr wichtige Achse der us-amerikanischen Europapolitik der Jahre nach 1945 waren. War die österreichische Wirtschaft in den Jahren vor dem Marshall-Plan stark mit Mittel- und Osteuropa verbunden, wurde sie durch den ERP vollkommen umgestellt, wozu nicht nur die schon erwähnten Zahlungen in der Höhe von 900 Mio. US-Dollar wichtig waren, sondern auch die us-amerikanische Warenschwemme die den österreichsichen Markt überrollte und Güter im Wert von nochmal 280 Mio. Dollar umfasste. „Innerhalb weniger Jahre war Österreich wirtschaftlich umgepolt worden. Nur mehr 13 Prozent des Handels gingen nach dem Osten“ (12) Um das alles durchzusetzen, arbeiteten die Marshallplan-Strategen eng mit der Sozialdemokratischen Partei und der Führung der Gewerkschaften zusammen. Sie organisierten Schulungen, Finanzierten Kurse und luden die sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre in die USA ein. Als einer der ersten Reisenden in Sachen Marshallplan, der daraufhin imer wieder zu Schulungs- und Ausbildungszwecken in die USA fuhr, war der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Franz Olah. (Er sollte im Oktoberstreik eine wichtige Rolle auf Seiten der Reaktion spielen.) Die somit auf Linie der US-Interessen gebrachten Funktionäre jedenfalls, beschränkten in der Folge ihre Kritik am Marshallplan darauf, dass ÖGB und AK an der konkreten Umsetzung der Pläne zu wenig beteiligt gewesen wären, doch mit keinem Wort kritisierten sie den Marshall-Plan und die damit einhergehenden Belastungen für die Bevölkeung (13).

 

„Wiederaufbaubrigade der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ)“

 

„Plakat der FÖJ auf dem für einen selbstbestimmten Wiederaufbau mobilisiert wird.“

 

Die ökonomische Lage der Arbeiter und des Volkes war in den Jahren nach 1945 überaus schlecht, die Inflation raste und die Versorgungslage war fatal. Zwischen 1947 und 1951 wurden fünf Lohn-Preis-Abkommen (-Pakte) geschlossen. Durch die Währungsreform 1947 und das Erste Lohn-Preis-Abkommen (1. LPA) stiegen die Lebenserhaltungskosten um rund 20%, Löhne und Gehälter aber nur um 6% Trotz eines angeblichen „Lohn-Preis-Stopps“, der diese ungleichmäßige Entwicklung laut Regierungspropaganda stoppen sollte, stiegen die Preise weiter, weshalb es 1948 zu umfassenden ökonomischen Kampfmaßnahmen der Arbeiterklasse kam. Gleichzeitig waren die sozialdemokratischen und christsozialen Führer des Gewerkschaftsbundes nicht dazu bereit Lohnerhöhungen zu fordern. Der Druck aus den Betrieben stieg weiter und die Unzufriedenheit der Arbeiterinnen und Arbeiter wuchs. Sie erhoben in ihren Kämpfen die Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen und stellten der Regierung für die Lohnerhöhungen ein Ultimatum bis zum . In dieser Situation taucht nun zu ersten Mal in der Zweiten Republik die „modernisierte“ Form der „Putschlüge“ auf (deren ursprüngliche Formen schon im Habsburgerreich gegen Streiks eingesetzt wurden), welche später die wichtigste Propagandawaffe gegen die Streikenden im September und Oktober 1950 werden sollte: „In dieser Situation griffen die ÖGB-Bonzen zu einem probaten Mittel der Streikbekämpfung im Kalten Krieg: sie erfanden eine Kominformanweisung [Kominform steht für „Kommunistisches Informationsbüro“. Dieses war die internationale Organisation der Kommunistischen Parteien jener Zeit – Anm.], die Pläne für einen Putsch der Kommunisten enthielt, der am 15. September in der Steiermark, dem Streikzentrum, seinen Ausgang nehmen sollte. Der 15. September war die Frist für die Erfüllung einer 25%igen Lohnforderung. Die SPÖ gab die Erfindung der ‚Putschpläne‘ im nachhinein zu.“ (14)

 

Durch Wegfall verschiedener Preisstützungen stiegen Lebenserhaltungskosten bis 1949 (begleitet durch ein weiteres LPA) weiter rasant an, woraufhin Gewerkschaft und Arbeiterkammer ein zweites und drittes Lohn-Preis-Abkomen mit der Bundeshandelskammer abschlossen. Ihr Ziel war, ganz und gar in Verpflichtung auf die Marshallplan-Vorgaben, das Defizit im Staatshaushalt zu beenden. Die Kosten der „Budgetstabilisierung wurden auf die Lohn- und Gehaltsempfänger“ abgewälzt. (15) In fast allen großen Industriestädten kam es daraufhin zu Kampfaktionen und Streiks, an denen bundesweit rund 220.000 Personen teilnahmen, insbesondere die Teilnahme der Arbeiterinnen und Arbeiter in Wien und Steyr stechen dabei hervor. Besonderes Gewicht hatte neben Lohnforderungen in diesen Kämpfen die Arbeitslosenfrage. Bei einem Stand von rund 200.000 Arbeitslosen (bzw. 10%), wurde von den Arbeitern die Forderung nach Überbrückungshilfe in der Höhe von 600,- Schilling aufgestellt. Die ÖGB-Führung hingegen wollte nur steuerlich gestützte Preissenkungen (also vom Steuerzahler und damit schlussendlich auch von den Arbeitern selbst bezahlt), doch keine Zahlungen oder Lohnforderungen. Doch sie musste dem Druck der Arbeiter teilweise nachgeben und erhob schlussendlich selbst die Forderung nach einer Überbrückungshilfe für Arbeitslose in der Höhe eines Wochenlohns. Die von den Arbeitern geforderten 600,- Schilling Überbrückungshilfe entsprachen jedoch vier Wochenlöhnen einer mittelmäßig qualifizierten Arbeitskraft, lagen also deutlich darüber. Für die Streikenden und Demonstrierenden war die Forderung nach 600,- S Überbrückungshilfe ein einigendes Band und wurde sehr breit vertreten. Das begünstigte den teilweisen Erfolg ihrer Durchsetzung und in einzelnen Betrieben, wo die Kampfaktivitäten besonders stark waren, konnte sie sogar weit überschritten werden (16). Die Einheit und Solidarität der Arbeiterklasse feierten damit einen großen Erfolg, motivierten die Arbeiter und gaben ihnen nicht nur wichtige Erfahrungen und Lehren, sondern auch eine kräftige Portion Optimismus.

 

Der daraufhin im September und Oktober 1950 folgende „Oktoberstreik“, ausgelöst als Abwehrkampf gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen vom September 1950, wurde zu einem Kulminationspunkt der bisherigen Kämpfe der Arbeiterbewegung gegen das Marshall-Plan-Diktat, Inflation, Arbeitslosigkeit und verschiedene Lohn-Preis-Abkommen. Der Oktoberstreik wurde zum Kulminationspunkt, sowohl nach Umfang und Härte mit der er geführt wurde, doch auch in seinen Ergebnissen, wurde er zu einer Wende für die österreichische Arbeiterbewegung und prägt bis heute ihre politische Realität.

 

2. Der Oktobersreik 1950

 

Ein solcher Kulminationspunkt konnte der Oktoberstreik (nach Hans Hautmann (17)) vor allem wegen drei besonderer Faktoren werden:

1. Der enorme Kaufkraftverlust der Arbeiter durch die Lohn-Preis-Abkommen

2. Die Kampfbereitschaft der Massen, gesteigert durch einzelne Erfolge in vorhergehenden Kämpfen und die dabei gewonnenen Erfahrungen

3. Die aufklärende und organisierende Tätigkeit der Kommunisten.

 

Besonders zum ersten Punkt verdeutlichen einige Zahlen die Situation: Die Produktion lag 1950 schon 142 Prozent über dem Vorkriegsstand, Brot wurde mit dem vierten LPA um 26% teurer, Mehl um 64%, Semmeln um 59%, Zucker um 34%. Die Verkehrstarife stiegen um 25%, Strom ebenso, Hausbrandkohle (damals hauptsächliches Heizmittel) um 23%. (18) Die Löhne konnten da nicht mithalten und lagen im Schnitt 18% unter dem Vorkriegsniveau. Laut viertem Lohn-Preis-Abkommen wurden die Löhne nun wie folgt „angeglichen“: Lagen sie unter 1000,- Schilling wurden sie um 100,- ÖS erhöht, lagen sie darüber, betrug die Lohnerhöhung 10%, gleichzeitig wurden diese Lohnerhöhungen sofort gemindert und aufgefressen, da ebenso höhere Sozialversicherungsabgaben durch die Werktätigen zu bezahlen waren, sie allein lagen im Mittelwert zwischen 120 und 130,- ÖS (19). Schon Tage vor dem endgültigen LPA-Beschluss am 26. September enthüllte die KPÖ diese Tatsachen und machte vor allem in den Betrieben dagegen Stimmung. War in den Jahren bis 1949 die Versorgungslage überaus schlecht, also die „Kalorien nicht da“, war es nun umgekehrt: Es gab zwar Waren, aber niemand konnte sie sich leisten. (20)

 

Schon zuvor gab es heftige Erregung und Widerstand der Arbeiterklasse, in Wien gab es große Demonstrationen, in Vorarlberg einzelne kleinere Streiks. Als die Ergebnisse des vierten LPA auch durch die Medien auch offiziell bekannt wurden, gab es in der Arbeiterklasse aber kein Halten mehr… wovon die KPÖ kurioserweise überrascht wurde! Obwohl sie in ihrer Mobilisierung und Organisationstätigkeit selbst zu Streiks aufrief, massiv gegen das vierte LPA agitierte und dessen Rücknahme forderte, wie sie auch die Rückgängigmachung der Preiserhöhungen und die Verdoppelung vorgesehener Lohnerhöhungen forderte, obwohl sie auf ihrem 14. Parteitag 1949 sogar die Einschätzung traf, dass sich die wirtschaftlichen Kämpfe im Land sehr ungleichmäßig entwickeln würden, überraschte es sie, als in Oberösterreich (Steyr und Linz), allen voran in den Linzer Vöest-Werken, der Streik ausbrach. Auf den Streikausbruch in den Vöest-Werken war die KPÖ erst recht unvorbereitet, da in diesem konkreten Fall die Zusammensetzung des Betriebsrats nicht gerade für ein besonders hohes Bewusstsein der Arbeiter sprach, war dort doch neben 14 Betriebsräten die sich aus SPÖ (12) und KPÖ (2) zusammensetzten die Hochburg des „Verbands der Unabhängigen“ (VdU), einem Sammelbecken der Nationalsozialisten und Vorgänger der FPÖ, der dort mit 14 Betriebsratsmandaten ebenso stark war, wie SPÖ und KPÖ gemeinsam (21).

 

Von Linz und Steyr ausgehend, breitete sich die Massenbewegung aus, und Oberösterreich blieb der Beteiligung nach auch das Zentrum des Streiks: In Wien streikten 242 Betriebe mit 41.000 Beschäftigten, in Niederösterreich 215 Betriebe und 54.500 Arbeiter, In der Steiermark legten 25.000 und in Salzburg rund 8000 die Arbeit nieder, doch in Oberösterreich schlossen sich 60.000 Arbeiterinnen und Arbeiter dem Streik an! Damit waren alle Bundesländer mit größeren Industriezentren von der Welle des Streiks erfasst. In den anderen Bundesländern, die im Rahmen der damals allgemein sehr schwachen Industrialisierung Österreichs im Oktoberstreik eher einen Nebenschauplatz bildeten, waren es insgesamt 1.500 die die Arbeit niederlegten.

 

Zentren des Oktoberstreiks 1950

 

Der Streik entwickelte sich in zwei Wellen: vom 26. bis zum 29. September, sowie vom 4. bis zu 6. Oktober 1950. Die dazwischenliegende Unterbrechung erfolgte auf einen Aufruf der KPÖ. Doch warum rief die KPÖ dazu auf den Streik zu unterbrechen? Sie machte dafür folgende Gründe geltend: Erstens wollte sie aus agitatorischen Gründen der Regierung ein Ultimatum stellen, in einer kurzen Frist die zur Erfüllung der Forderungen zugestanden wurde, die Arbeit wieder aufnehmen. Man erwartete sich davon, dass man dadurch weitere Schichten der Massen in die Streikbewegung einbeziehen könnte und vor den Augen aller Werktätigen zeigt, dass die Regierung nicht Willens ist, die gerechten Forderungen der Streikbewegung zu erfüllen. Zweitens wollte die KPÖ die Unterbrechung dafür nutzen, eine gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz durchzuführen und bei dieser auch eine gesamtösterreichische Streikleitung zu wählen, also die Bewegung zentralisieren und durch Vereinheitlichung und bessere Organisierung des Kampfes ihre Schlagkraft zu erhöhen. Diese Ziele waren einerseits verständlich, da die Streikbewegung aber schlussendlich nach der Unterbrechung nicht mehr den Schwung zurückgewinnen konnte den sie zuvor hatte und geschwächt daraus hervorging, stellte sie sich dennoch als schwerer Fehler heraus. Die Erfahrungen mit „Massenbewegung zeigen in der Tat, dass man sie nicht auf Knopfdruck aus- und wieder einschalten kann“ (22) Weiter wog der Fehler der Steikunterbrechung insofern besonders schwer, weil dadurch die Regierung und insbesondere die SPÖ eine Verschnaufpause bekamen, sich gewissermaßen konsolidieren konnten und nun mit voller Kraft mit der Lüge vom angeblichen „kommunistischen Putschversuch“ vorpreschten. Zuvor „hatten sie das aufgrund des Faktums, dass der Streik gerade in Betrieben mit SPÖ-Mehrheit unter den Belegschaften ausgebrochen war, nicht zu behaupten gewagt.“ (23)

 

Beging die Führung der KPÖ also zu Beginn des Streiks einen „rechten Fehler“, nämlich dass sie sich offenbar nicht an ihre eigenen richtigen Einschätzungen von der ungleichmäßigen Entwicklung der Klassenkämpfe hielt und die Kraft der Arbeiterklasse sowie die Explosivität der Stimmung in den Massen unterschätzte, verfiel sie im Verlaufe des Kampfes in einen „linken Fehler“, nämlich die absolute Überschätzung der spontanen Kräfte der Massenbewegung und der eigenen Kräfte, sowie eine massive Unterschätzung des Gegners, seiner Konsolidierungsfähigkeit und seines Propagandaapparats. Die Kommunistische Partei verstand diesen Fehler, es entwickelte sich innerhalb der Partei eine Auseinandersetzung darüber, wie die gemachten Fehler zu verstehen sind und was ihre Ursachen waren. Diese Auseinandersetzung spiegelt sich in Dokumenten des Zentralkomitees wider, ebenso wie in der selbstkritischen Auswertung des Oktoberstreiks, die am 15. Parteitag 1951 zusammengefasst wurde.

 

Die Herrschenden gingen mit äußerster Härte gegen den Streik vor, sowohl politisch als auch ideologisch. Einerseits gab es die berühmten Prügelbanden des Gewerkschafters Franz Olah. Geschätzt werden sie auf eine Stärke von ca. 2000 bis 3000 Mann, zusammengesetzt aus Faschisten die die Streikenden überfielen. Sie bildeten aber nur eine „Ergänzung“ zur staatlichen Repression: „Behörden und Gewerkschafter griffen zu massiven Mitteln des Streikbruchs, der Aussperrung mit Waffengewalt, der Besetzung von Betrieben mit bewaffneter Gendamerie und Polizei (…) auch die Steyr-Werke wurden von Gendarmerie besetzt (…) Dutzende Betriebsräte in Donawitz und anderen Betrieben wurden verhaftet; in vielen Betrieben wurden Prügelgarden aufgestellt.“ (24) Dass heute in sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und allgemein in bürgerlichen Artikeln und Sendungen zum Thema in der Frage der Repression gegen die Streikenden beinahe ausschließlich von Franz Olahs faschistischen Prügelgarden die Rede ist, verwischt die realen politischen Kräfteverhältnisse, verschweigt die offizielle staatliche Repression durch Gendamerie und Polizei und lässt damit die Arbeiterbewegung und die KPÖ relativ hilflos gegenüber den Prügelbanden aussehen. Daher ist es wichtig, das reale Ausmaß der Repression zu betonen, das weit über die faschistischen Banden Olahs hinausging. Auch nach dem Streik ging es in dieser Richtung weiter: Insgesamt wurden rund 1.000 Arbeiter entlassen oder gekündigt (25), vor allem in der Vöest und in Steyr, wo sich die Zahl „Gemaßregelten“ bis 1953 fortlaufend auf 450 erhöhte. Die Vergeltungswelle dauerte mehrere Jahre an. Im ÖGB wurden 85 KPÖ-nahe Funktionäre aus Leitungsgremien und Verantwortungspositionen entfernt, auf Initiative Franz Olahs wurde überhaupt der Beschluss gefasst, dass eine Mitgliedschaft von Kommunisten in der Gewerkschaft Bau-Holz nicht erlaubt ist. Der SPÖ-Innenminister Helmer, berüchtigt für seine Nähe zu Nationalsozialisten, wollte auch den Polizeiapparat säubern, in Wien wurde er daran aber von der sowjetische Besatzungsmacht gehindert (26).

 

Straßenschlacht von Streikenden mit Holzlatten tragenden faschistischen Prügelgarden.

 

SPÖ-Propaganda von der Gefahr der Teilung des Landes als Folge des Streiks.

 

Mit der politischen Repression, dem umfassenden Einsatz von Polizei und Gendamerie (Das Bundesheer gab es damals noch nicht, weshalb Teile seiner Aufgaben von der sogenannten „Sondergendamerie“ oder auch „B-Gendamerie“ übernommen wurden), ergänzt durch die Mobilisieurng von Faschisten ind Prügelgarden, war es aber nicht getan. Die wohl weitaus wirkmächtigere Waffe der Herrschenden war ideologisch: die Putschlüge.

 

3. Die ideologische Waffe der Putschlüge

 

Wie schon 1947 (siehe oben), wurde auch 1950 vor allem durch die Sozialdemokratie und den ÖGB verbreitet, dass die Kommunistische Partei, natürlich auf „Anweisung Moskaus“ durch den Streik einen Putsch durchführen wollte. Während noch 1985 die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten von den Streikenden als „Terroristen“ sprach und auch in der Schrift „100 Jahre Gewerkschaft der Eisenbahner“ vom Streik als „Terror“ die Rede ist, gilt die Putschlüge heutzutage in breiteren Kreisen als überholt und ist durch die Gewerkschaft zumindest teilweise zurückgenommen worden. So schreibt der ausgewiesen ÖGB-nahe Historiker Peter Autengruber selbstkritisch: „Die Putschthese ging also von der Sozialdemokratie bzw. von sozialistischen Gewerkschaftern aus. Die ÖVP beteiligte sich an dieser Argumentation (…) Die Putschthese entstand gezielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges: Sie entsprang der Furcht der nicht-kommunistischen Mehrheit des ÖGB vor einer kommunistischen Machtübernahme (…) Selbst wenn bei einzelnen kommunistischen ParteigängerInnen Überlegungen zur Machtübernahme eine Rolle gespielt haben mögen, für die Zielsetzung des Oktoberstreiks spielten sie definitiv keine Rolle. Das war auch der ÖGB-Mehrheit aus SPÖ- und ÖVP-GewerkschafterInnen bewusst, als sie die wichtigsten am Oktoberstreik beteiligten angestellten und/oder gewählten Funktionäre und Funktionärinnen entließen und/oder aus dem ÖGB aussschlossen“ und er fährt, den sozialdemokratischen Historiker Oliver Rathkolb zitierend, fort: „Die Putsch-Metapher (…) diente als perfektes Instrument, um die Sozialdemokratie endgültig vom Verdacht freizuspielen, sie plane eine Einheitsfront mit der KPÖ.“ (27)

 

Doch auch wenn heute Teile der Sozialdemokratie und der Herrschenden Klasse von der Putschlüge abrücken, so nahm sie doch 1950 einen zentralen Platz im Kampf gegen die Arbeiterbewegung und ihres Aufbegehrens gegen das Lohn-Preis-Abkommen ein. Sie wurde zu einem historischen „Erinnerungsort im Abwehrkampf gegen den Kommunismus“ (28) und Generationen von Gewerkschaftern und Betriebsräten wurden in Gewerkschaftsschulen und gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen in diesem Sinne erzogen (29) - was bis heute merkbar ist.

 

Bereits am 27. September, also nach einem Tag Streik, ersuchten Innenminister Helmer (SPÖ) und Außenminister Gruber (ÖVP) die westlichen Besatzungsmächte um deren Einschreiten und bezeichneten den Streik als „Unruhe“ die „unterdrückt werden muss“ (30). Die Westalliierten hatten aber an einer Eskalation der Lage zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse. Auch die Sowjetunion wollte keine Eskalation, die ihrerseits mit einer Unterstützung der Streikenden durch die Rote Armee gegeben gewesen wäre. Doch gerade hier setzte die Putschlegende an und bezichtigte die sowjetische Besatzungsmacht der „Steuerung“ des Streiks, bzw. dass die Sowjetunion „Interesse am Streik“ hätte, wie der US-General Keyes der sowjetischen Vertretung vorwarf (31). Dieser Vorwurf war von vornherein absurd, denn der Streik begann eben gerade nicht in den sowjetisch verwalteten USIA-Betrieben, sondern in der US-amerikanischen Zone. Außerdem hatten die sowjetischen Behörden wenig Interesse daran, die unter ihrer Kontrolle stehenden USIA-Betriebe zu schädigen, wurden aus ihnen doch Reparationszahlungen geleistet. Auch Walter Stern, als Betriebsrat bei C.P. Goertz ein aktiver Teilnehmer des Oktoberstreiks, weist darauf hin, dass die sowjetischen Verwalter den Streikenden zwar „Lastwägen zu Verfügung stellten“ damit sie besser von Betrieb zu Betrieb kamen, aber damit erschöpfte sich im Wesentlichen die unmittelbare Streikunterstützung (32) Eine nachgewiesene Intervention durch die sowjetische Militärbehörde gab es aber tatsächlich: als Innenminister Helmer Gendamerie- und Polizeitruppen nach Wiener Neustadt zusammenziehen ließ, befahl die sowjetische Kommandatur deren Demobilisierung. Nicht so in den Westzonen, wo vereinzelt die österreichischen Repressionsorgane Unterstützung durch US-amerikanische Militärpolizei erhielten.

 

SPÖ und ÖGB erklärten den Streik von Beginn an für illegal, sinnlos und schädlich. Ab dem 30. September (also im Zeitraum der Streikunterbrechung) wurde dann behauptet, es gehe „nicht mehr um Schillinge oder Lohnprozente, sondern um die Freiheit unseres Landes“ (33). Damit war ein wichtiger Wendepunkt erreicht: Der Streik und Massenkampf wurde in der bürgerlichen Propaganda abgelenkt von den gerechten Tagesforderungen und Zielen, Gegenstand wurde jene „Freiheit und Selbstbestimmung“ Österreichs, wie sie vom US-Imperialismus verstanden wurde. Dem entgegen stand das Eintreten der Kommunisten für die Ziele der Streikbewegung, für nationale Selbsbestimmung, gegen die Lohn-Preis-Abkommen, also ein Gegenentwurf der die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs wesentlich unter der Führung der Arbeiterklasse gebracht hätte. Der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Fritz Klenner schrieb damals dazu: „Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, daß die Kommunistische Partei zum Schlag gegen die demokratische Republik auszuholen versucht. Ihr Plan geht dahin, die Leitung des Gewerkschaftsbundes und der angeschlossenen Gewerkschaften in ihre Hände zu bringen und damit die gesamte Gewerkschaftsbewegung, das stärkste Bollwerk der Demokratie in diesem Lande überhaupt, zu beherrschen. Mit Hilfe dieses Instruments soll dann, wie dies in unseren Nachbarländern geschah, die Regierung gestürzt und die Volksdemokratie errichtet werden.“ (34) Gleichzeitig erließ der ÖGB-Vorstand am 5. Oktober den Aufruf „Gewalt gegen Gewalt“. In diesem rief man ganz offen zur Anwendung von massiver Gewalt gegen die Streikenden auf: „Alle Mittel, welche die Terroristen anwenden, um euch zum Streik zu zwingen, müssen auch in der Verteidigung gebraucht werden. Setzt der Gewalt die Gewalt entgegen und verteidigt euren Betrieb!“ (35)

 

Doch gab es vielleicht einen bestimmten Anlass für das Entstehen der Putschlüge, steckt in ihr möglicherweise ein Körnchen Wahrheit? Nein. Auch wenn es vereinzelte regionale Aktionen lokaler KPÖ-Einheiten gab, die über den ökonomischen Kampf hinausgingen. So wusste „Franz Loistl, Zentralbetriebsratsobmann im Zistersdorfer Erdölgebiet, von einer ‚Reihe von Leuten‘ zu berichten, die sich ‚während des Streiks nicht an die Anweisungen des Streikkomitees gehalten haben und ultralinke Einstellungen hatten.‘“ (36) Und auch der schon erwähnte Walter Stern berichtet Ähnliches (37). Hubert Friesenbichler (Funktionär der KPÖ sowie der Freien Österreichischen Jugend), damals Kulturreferent des Betriebsrats im Wiener Kabel- und Metallwerk Floridsdorf, konnte ebenso keine Putschabsichten erkennen, sondern: „dass ein Gendamerieposten in Gänserndorf besetzt worden sei, wurde bei Gesprächen in der Bezirksleitung eher als heitere Anekdote denn als eine ernstzunehmene Aktion aufgefasst.“ (38)

 

Natürlich gab es von vielen Genossen die Hoffnung auf „größere Dinge“ und selbstverständlich sah man den Streikkampf und die Massenbewegung in der KPÖ als hervorragende Bewegung die eine Entwicklung hin zur Volksdemokratie erleichtern würde. Aber nicht am Wege eines Putsches, sondern im Kampf um die Arbeitereinheit, die von der KPÖ als Voraussetzung dafür begriffen wurde, um überhaupt zur Volksdemokratie gelangen zu können. Zu behaupten, dass zumindest ein relevanter Teil, oder eine bestimmte Linie in der Kommunistischen Partei Putschpläne verfolgte, ist nichts als eine Lüge, daher schärfstens zurückzuweisen und es ist natürlich kein Zufall, dass von Seiten reaktionärer Kräfte bisher kein einziger Vertreter der KP-Führung genannt werden konnte, der sich positiv auf Putschpläne bezogen hätte. Auch strategisch wäre ein Putsch vollkommener Irrsinn gewesen, was selbst der rabiat antikomunistische, freiheitliche Historiker Lothar Höbelt feststellen muss: „Ein klassischer Staatsstreich hätte in einem Land, in dem die militärische Gewalt ausschließlich bei den Besatzungsmächten lag, freilich auch gar keinen Sinn.“ Und einer der führenden bürgerlichen Militärhistoriker, der ebenfalls kommunistischer Sympathien vollkommen unverdächtige Manfred Rauchensteiner räumt ein: „...an einen Staatsstreich konnte wohl nur ein Phantast glauben.“ (39) soweit zur realistischen Beurteilung.

 

Für SPÖ und ÖVP war die Putschlüge aber bitter notwendig, denn es ging darum den Einfluss in den Gewerkschaften vollständig in sozialdemokratische Hand zu bringen (mit einigen starken Reservaten für ÖVP-Funktionäre) und damit die Konstituierung der Sozialpartnerschaft abzuschließen, bzw. nicht zu gefährden. Der schon zitierte Fritz Klenner, lange Zeit ÖGB-Verantwortlicher für Bildung und Gründer des gewerkschaftseigenen Verlags, also ideologisch einer der führenden Funktionäre des ÖGB, war wesentlicher Einpeitscher der Putschlüge, stellte Jahre später aber ganz freimütig fest: „Es handelte sich sicherlich nicht um einen politischen Putschversuch, aber ein Erfolg der Kommunisten hätte zu ihrem wachsenden Einfluss im Gewerkschaftsbund geführt“und weiter: „Die Streiks und Arbeitnehmerunruhen von 1950 waren sicherlich groß, aber kein Putsch; das muss heute der Wahrheit halber anerkannt werden. Es war eine verständliche Reaktion, insbesondere der kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre, gegen die Lohn- und Preisabkommen, der sich der Großteil der nicht-kommunistischen Arbeiter und Angestellten angeschlossen hatten.“ (40) Die Putschlüge wurde ab den 70er und 80er Jahren von allen ernstzunehmenden demokratischen Historikern in Abrede gestellt und als das benannt was sie war: eine propagandistische Lüge! Auch wenn es in gewissen gewerkschaftlichen und demokratischen Kreisen (und in Einzelfällen auch darüber hinaus) eine Tendenz dazu gibt, die Putschlüge klar zurückzuweisen, lässt sich doch auch ein gegenteiliger „Trend“ feststellen. Denn seit den 1990er Jahren kommt es durchaus auch zu einem bestimmten Revival der Putschlüge, beginnend bei reaktionären Historikern wie Roman Sandgruber (Vorstand des Linzer Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Mitglied der KÖHV Amelungia zu Wien), Wilhelm Brauneder (ehemaliger Dritter Nationalratspräsident, FPÖ) bis hin zur Gewerkschaft Bau- Holz, die 1995 bei ihrer damaligen Zentrale eine Tafel enthüllte auf welcher der Niederschlagung des Oktoberstreiks als dem „Kampf um die Freiheit Österreichs“ gedacht wird. Für gewisse Kräfte ist die Putschlüge also nach wie vor aufrecht, in gewissen Formen kommt sie daher auch immer mal wieder in bürgerlichen Abhandlungen zum Thema vor, da eine zwar kleine, doch überaus einflussreiche reaktionäre Minderheit sie weiter aufrecht erhält.

 

Ein weiterer bedeutender und noch heute überaus lebendiger Faktor im ideologischen Kampf des Kapitals gegen den großen Streik vom Oktober 1950, waren die diversen Propagandalügen der Totalitarimustheorie (also der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus), sowie der von ihr als sozialdemokratische Spezialität abgleiteten Theorien über ein angebliches Zusammengehen von Kommunisten und Faschisten gegen die liberale, bürgerliche Demokratie (Eine Theorie die heute nicht selten als „Querfront“ bezeichnet wird). Schon beim Streik 1947 wurde – wie oben erwähnt – die Putschlüge vom angeblich „durch die Kominform gesteuerten“ Streik wesentlich durch sozialdemokratische Organe verbreitet, auch das erfolgte aber nicht ohne die Kommunisten mit den Nazis in Verbindung zu setzen: „Einige Kominformjünglinge spielen dieser Tage den ‚großen Generalstab‘ (…) und hecken etwa folgenden Plan aus: Einige (ferngelenkte) Frauen sammeln sich in Kampfenberg. (…) Nachdem die Kommunisten einsahen, daß die obersteirischen Arbeiter ihren demagogischen Schreiereien kein Gehör schenkten, änderten sie ihre Taktik und gingen zu einem vom Ausland befohlenen Terror über. Eine große Zahl von Kommunisten mußte aus der Partei austreten, um bei den geplanten kommenden Zwischenfällen nicht als KP-Angehörige vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen zu müssen. Diese Leute werden dann nach Niederösterreich in Parteischulen geschickt, wo sie im Terrorhandwerk vollendet ausgebildet werden, um dann als die SS-Terrorgruppen der KPÖ zurückzukehren (…) Nach den Prinzipien des faschistischen Terrors, mit wenigen geschulten Kräften einen Umsturz in den Betrieben hervorzurufen, versucht also auch die KP Unruhe zu stiften. So wurde der Streik in Kapfenberg zum Großteil von werksfremden Kommunisten (provoziert …) durch Einschüchterung der Arbeiter, indem ihnen mit Verschleppung und den Russen gedroht wurde. (…) Die KP nutzt diese Situation aus und plant auf Grund eines Befehls des ZK für die Mitte des Monats ein den meisten österreichischen Industrieorten größere Unruhen zu inszenieren (…) Wenn das geschieht, sollen die Männer aus den Betrieben geholt, zu Streik und Umsturz aufgerufen werden, um auch in Österreich eine ‚Volksdemokratie“ zu errichten.“ (41) In dieser Linie propagierte die SPÖ auch im Oktoberstreik, als sie in ihrer Theoriezeitschrift „Die Zukunft“ zuerst von einem „Septemberputsch“ phantasierte, und sich dann sogar dazu steigerte festzuhalten, dass dieser Putsch durch eine „kommunofaschistische Einheitsfront“ (!) realisiert werden sollte (42). Damit begegnete die Sozialdemokratie dem Umstand, dass beispielsweise in der Vöest der VdU die Betriebsratsmehrheit hatte und VdU-Mitglieder in einzelnen Aktionen der Streikenden (insbesondere in Oberösterreich und der Steiermark) prominente Rollen einnahmen, wenngleich diese v.a. den Kommunisten zugeschrieben wurden.

 

Zum Ende und den Ergebnissen des Oktoberstreiks

 

Der Streik fand, beginnend mit der Unterbrechung, keine Dynamik mehr und verlief fortan im Sand. Ein Erfolg war aber zweifellos, dass es die Herrschenden für mehrere Jahre nicht mehr wagten, ein weiteres Lohn-Preis-Abkommen abzuschließen. Die 1951 stattfindenden Betriebsratswahlen brachten darüber hinaus ein von KPÖ, insbesondere aber von ihren Gegnern, nicht erwartetes Ergebnis – nämlich die sprunghafte Steigerung des Einflusses der Kommunistischen Partei in den Betrieben und innerhalb der Volksmassen. Insbesondere in den Linzer Vöest-Werken leitete der Oktoberstreik auch den Niedergang des Einflusses des VdU in den Betrieben ein, auch das war ein bedeutender Erfolg.

 

„Und obwohl sie in der Gewerkschaft durch Ausschlüsse und in den großen Betrieben durch Entlassungen Positionen einbüßte, festigte sie in der Folge ihr Ansehen in der Arbeiterschaft. Bei den Betriebsratswahlen in der VÖEST 1951 steigerte sich ihr Anteil unter den Arbeitern , verglichen mit 1949, von 9,5 auf 30,3 Prozent, bei den Angestellten von 7,7 auf 14,2 Prozent. In den VÖEST-Abteilungen Stahblau, Maschinenbau I und im Stahlwerk wurde die Liste der Gewerkschaftlichen Einheit [KPÖ-nahe Gewerkschaftsliste – Anm.] sogar zur stärksten Fraktion. Es war der größte Wahlerfolg in der Geschichte des Werkes überhaupt, und er zeigte, dass die Arbeiter und Angestellten der VÖEST jenen Kollegen das Vertrauen aussprachen, die im September und Oktober 1950 bis zuletzt an ihrer Seite gestanden waren. Dasselbe zeigte sich in Steyr, wo die Kommunisten bei den Betriebsratswahlen 1951 mit 2.055 Stimmen die höchste Stimmenanzahl erreichten, die sie dort je hatten, und mit acht Mandaten in den Arbeiterbetriebsrat einzogen. Ebenso war es in anderen österreichischen Industriebetrieben. Auch auf politischer Ebene äußerte sich dieser Trend. Gottlieb Fiala, der wenige Monate nach seinem Ausschluss aus dem ÖGB als kommunistischer Kandidat bei den Bundespräsidentenwahlen antrat, erhielt im Mai 1951 220.000 Stimmen, die höchste Stimmenzahl, die die KPÖ bei Wahlen in ihrer Geschichte jemals erreichte.“ (43)

 

4. Die Lehren des großen Oktoberstreiks

 

Einige wichtige spezifische Lehren dieses große Streiks lassen sich überblicksmäßig wie folgt zusammenfassen:

 

1.) Der Ausgang des Streiks markierte auch das vorläufige Ende des Kampfes um die gesellschaftliche Ausrichtung Österreichs in dieser Periode der Klassenkämpfe. Er zementierte die „Westintegration“ als Entwicklungsweg unter der Hegemonie des USA-Imperialismus. Er brachte eine Entscheidung im Kräftemessen darüber, welche Klasse die Auseinandersetzung um Souveränität Österreichs führt: die Bourgeoisie. Damit wurde auch der Weg für die folgende EWG-Integration und später den EU-Beitritt vorgezeichnet.

 

2.) Der Oktoberstreik stellte die in Herausbildung begriffene Sozialpartnerschaft massiv in Frage und hatte ihre Aufhebung zum Ziel. Dass das nicht gelang, kennzeichnete die Politik der österreichischen Arbeiterbewegung in der Zweiten Republik und führte zur Etablierung des für die Grenzländer des Marshall-Plan-Systems zu den Volksdemokratien typischen Regierungssystems von Rot/Schwarz (bzw. umgekehrt).

 

3.) Der Antikommunismus wurde zu einem ideologischen „Grundkonsens“ der Zweiten Republik, nicht nur in der Bourgeoisie, sondern auch deutlich über sie hinaus, was wesentlich durch die Sozialdemokratie gelang. Dieser „Grundkonsens“ wurde erst mithilfe der Putschlüge und der nach dem Oktoberstreik vollständig durchgesetzten Führung der Bourgeoisie in der nationalen Frage etabliert und war nicht, als vermeintliche nationale Eigenart oder Ähnliches, „immer schon da“, wie es von linskliberaler Seite gerne heißt.

 

4.) Die Vorwürfe von einer angeblich gemeinsamen Front der KPÖ mit Nazis und „linkem Antisemitismus“, wurden als ideologische Waffe gegen die Kommunisten und gegen selbstbestimmte Aktionen der Arbeiterklasse und Volksmassen genutzt. Diese Art von Propagandalügen wurde (ebenso wie die schon in der Monarchie angewandte Putschlüge) für die Nachkriegsverhältnisse systematisiert und methodisiert.

 

5.) Die Kommunistische Partei erreichte eine Stärkung innerhalb der Betriebe, eine Stellung, die sie über lange Jahre in der Zweiten Republik als relatives Spezifikum gegenüber einer ansonsten allgemeinen politischen Schwäche, behalten sollte.

 

 

Der Hammer

 

Hammer, fliege – Hammer, töne!

Thor, der Gott, und Königssöhne

haben schon in alten Tagen

kräftig mit Dir zugeschlagen!

Und Du wurdest vor dem Schwert,

in der Vorzeit hoch geehrt.

 

Götter gaben Dich als Spende

in der Menschen willige Hände,

eine Welt hast Du entriegelt,

wichtig Ding und Tun besiegelt.

Und noch heut ist jeder Schlag

heilig wie am ersten Tag!

 

Hammer, töne – Hammer, klinge!

Denn ich spür, wenn ich Dich schwinge,

wenn die Schläge niederfallen,

mächtiger Götter Wohlgefallen.

Hammer, Du, in meiner Hand:

bist des Glückes Unterpfand!

 

- Hans Heidenbauer

(Im Schatten der Schlote, 1947)

 

 

 

Quellen:

 

(1) Hans Hautman: Der Platz des Oktoberstreiks in der österreichische Geschichte. Referat auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „Der große Streik des September/Oktober 1950“, 30. September 2000.

(2) Richard Zach: Bleibt stark! In: Richard Zach, Der Weg ins Licht, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien, ohne Jahresangabe, S.12

(3) Vgl. dazu: Gruber, Ronald; Hörzinger, Manfred: ...bis der Preistreiberpakt fällt. Der Massenstreik der österreichischen Arbeiter im September/Oktober 1950. Alois Wieser, Wien, 1975, S.8

(4) Gruber/Hörzinger 1975, S.9

(5) Autengruber, Peter; Mugrauer, Manfred: Oktoberstreik. Realität hinter den Legenden über die Streikbewegung im Herbst 1950. ÖGB-Verlag, Wien 2017, S.12

(6) Gruber/Hörzinger 1975, S.10

(7) Ischl… Wie es war. Stern-Verlag, Wien 1947, S.3-19

(8) Das Möglicheit eines von den US-Imperialisten und Großbritannein provozierten Bürgerkriegs wie in Griechenland, war damals durchaus eine tatsächliche Möglichkeit und nicht vom Tisch zu wischen. Die KPÖ beschäftigte sich insbesondere in der Zeit rund um ihren 14. Parteitag (1949) mit dieser Gefahr und behandelt die Frage in mehreren Artikeln und Dokumenten.

(9) Sepp Plieseis (1933-1966). Eine Dokumentation der KPÖ-OÖ. Eigenverlag, Linz 2015, S.36

(10) Autengruber/Mugrauer 2017, S.12

(11) Ebd.

(12) Rauchensteiner, Manfred nach: Autengruber/Mugrauer 2017, S.13

(13) Ebd.

(14) Gruber/Hörzinger 1975, S.16

(15) Gruber/Hörzinger 1975, S.17

(16) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(17) Hans Hautmann, 2000.

(18) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(19) Gruber/Hörzinger 1975, S.20

(20) Hans Hautmann, 2000

(21) Die derart ungewöhnliche Zusammensetzung des Vöest-Betriebsrats hat ihren Grund darin, dass die Arbeit im Stahlwerk einerseits besonders viel hochqualifizierte Arbeit erforderte, also Arbeitskräfte die nicht leicht zu ersetzen waren. Daher hatten die Vöest-Werke während der Herrschaft des deutschen Faschismus einen besonders hohen Anteil an Arbeitskräften die als „produktionsnotwendig“ vom Kriegsdienst befreit waren und nicht selten auch über gute Kontakte in die NSDAP verfügten. Diese Arbeitskräfte konnten auch nach der Befreiung ökonomisch nicht schnell ersetzt werden, außerdem gab es in der US-kontrollierten Zone eine Entnazifizierung nur in homöopatischem Ausmaß, d.h. es fehlte auch der politische Wille der alliierten Besatzungsmacht, weshalb sich dort über mehrere Jahre hinweg der VdU stark etablierte. Eine diesbezügliche Wende setzte erst mit den Oktoberstreik ein.

(22) Hans Hautman, 2000

(23) Ebd.

(24) Ebd.

(25) Ebd.

(26) Ebd.

(27) Autengruber/Murgauer, 2017, S.44 und 48

(28) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.8

(29) Autengruber/Mugrauer 2017, S.45

(30) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(31) Ebd.

(32) Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrats. ÖGB-Verlag, Wien, 2014, S.148

(33) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(34) Fritz Klenner in: „Putschversuch – oder nicht?“ zit. Nach: Rote Fahne, Nr. 242, Jänner 1991, S.33

(35) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.4

(36) Ebd., S.5

(37) Vgl. dazu: Walter Stern, s.o., S.144-144

(38) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.5

(39) Ebd., S.2

(40) Fritz Klenner, zit. nach: Autengruber, in: Autengruber/Mugrauer 2017, S.46-47

(41) Neue Zeit. Tageszeitung der SPÖ Graz. Artikel: „Der Durchbruch“ und „KP-Pläne für den 15. September“. Beide in der Ausgabe von 12. September 1948, S.1-2 Zit. nach: Rote Fahne, Nr.242, Jänner 1991, S.32

(42) Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ 1945-1955. Vienna University Press 2020, S.649

(43) Hans Hautman, 2000

 

Der folgende Text entstand im Oktober 2020 im Rahmen eines internen Seminars anlässlich des 70. Jahrestags des großen Oktoberstreiks. Bisher wurde er als Zirkular verbreitet, nun machen wir ihn mit geringfügigen Überarbeitungen anlässlich des 21. Jahrestages der Öffentlichkeit zugänglich.

 

- Redaktion des Vorboten, Oktober 2021

 

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Der Oktoberstreik – Entwicklung, Verlauf und Lehren.

 

 

 

 

„Der Streik, der vor fünfzig Jahren, im September und Oktober 1950, stattfand, war der größte Streik der österreichischen Nachkriegszeit und eine der bedeutendsten Kampfaktionen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Er mutet heute, nach einer jahrzehntelangen Periode, in der Streiks zu höchst seltenen Ausnahmen wurden, der davon geprägten Öffentlichkeit als etwas Fernliegendes, Exotisches, historisch ein für allemal Abgeschlossenes an, als Ereignis, das völlig aus dem Rahmen österreichischer Normalität fällt. Die historischen Tatsachen zeigen ein anderes Bild, nämlich daß die österreichische Arbeiterbewegung eine lange und reiche Tradition des Streikkampfes besitzt. Von den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnend über die Massenstreiks für das allgemeine Wahlrecht, die Teuerungsdemonstrationen von 1911, die riesenhaften Aufstände im Ersten Weltkrieg mit dem Höhepunkt des Jännerstreiks 1918 und die zahlreichen Streikkämpfe der Eisenbahner, Bergarbeiter, Metallarbeiter und Textilarbeiterinnen in der Ersten Republik setzten sich diese nach 1945 fort. Im Februar 1946 mit den ersten Streiks gegen den Lebensmittelmangel in Fohndorf und Wien anhebend, mündeten sie über die große Hungerdemonstration in Wien im Mai 1947 in den Jahren 1948 bis 1950 in eine Welle erbitterter Klassenkämpfe mit einer Vielzahl von Streiks und militanten Demonstrationen, die zu den Perioden der intensivsten Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung überhaupt gehört. Von Gemütlichkeit als der in Österreich angeblich obwaltenden Haupteigenschaft war da nichts zu bemerken.“ (1)

- Hans Hautmann

 

BLEIBT STARK!

 

Es kommt der Tag, an dem sich alle Tore öffnen!

Verzweifelt nicht! Bleibt imer stark! Er naht!

Und wenn sie uns mit Ketten bänden -

die längste Nacht muß einmal enden!

Es komt der Tag! Es komt der Tag!

 

Millionen warten, Sehnsucht, heiligen Haß im Herzen

wie ihr, Genossen, ihr! Schöpft daraus Mut!

Die härteste Gewalt wird brechen!

Zuviel der Not, sie muß sich einmal rächen!

Denn unter Scheiterhaufen glost die Glut!

 

Schon über Nacht kann sie ein Meer von Flammen werden.

Verliert niemals den Glauben an den Sieg! Harrt aus!

Bald werden wir uns alle Rechte holen,

die uns die frechen Schergen tausendmal gestohlen!

Bald kommt der Tag! Bald kommt der Tag! (2)

- Richard Zach

 

 

1. Internationale und nationale Bedingungen des Oktoberstreiks.

 

Die internationalen Bedingungen

 

Die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs brachten tiefgreifende Veränderungen in der Weltlage. Einerseits konnten dabei Sozialismus und Antiimperialismus große Fortschritte, regelrechte Sprünge erzielen. Besonders drückte sich dies mit den Volksdemokratien aus, die (auf dem Weg zum Sozialismus) mit dem Kapitalismus brechen konnten und eine enorme Vergrößerung des sozialistischen Lagers mit sich brachten. Dieser neue Typus an Staatsform, geführt vom Proletariat, wurde von der DDR über Ungarn bis nach China errichtet. Nie zuvor und niemals danach erreichte das sozialistische Lage eine dermaßen große Ausdehnung, wie in dieser Zeit. Doch es gab auch negative Entwicklungen nach der Niederschlagung des Faschismus. Im Westen, dem Lager des Imperialismus, wird die USA bis in die 1950er Jahre als Erbe Großbritanniens zur neuen Hegemonialmacht, zum weltweit führenden Imperialisten. Die USA sind es auch, die als einziges kapitalistisches Land politisch und ökonomisch gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgehen.

 

Im West- und Teilen Mitteleuropas blieb trotz aller Zerstörungen und der ökonomischen Zerrüttung ein gewisses Niveau entwickelter Produktivkräfte, das Potenzial eines riesigen europäischen Marktes und damit das Potenzial der enormen Konsumtionsfähigkeit des Kapitals, wenn dieser Markt durch Reorganisierung und „Wiederaufbau“, durch eine gewisse Konsolidierung wieder aufnahmefähig werden würde. Damit wurde Europa zum Angelpunkt der ökonomischen und politischen Neuverteilung der imperialistischen Einflusssphären und der Vormachtstellung der USA (3).

 

Gleichzeitig spizten sich die Konflikte zwischen den nach Unabhängigkeit und Freiheit strebenden Völkern und den Imperialisten, die alles dafür taten, eine weitere Ausbreitung des sozialistischen und antiimperialistischen Lagers zu verhindern, massiv zu. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich der Griechische Bürgerkrieg (1946-1949) und der Koreakrieg (1950-1953). Letzterer wurde zur ersten großen Niederlage der USA in der Zeit nach 1945 und lieferte damit schon eine Skizze der über Jahrzehnte anhaltenden Probleme der USA, auf die der „Koloss auf tönernen Füßen“ insbesondere bei seinen Interventionskriegen in Asien stoße sollte.

 

Kernstück der Expansionspläne der USA in Europa war der ökonomisch-politische Marshallplan (ERP, European Recovery Program), der auf die militärische Truman-Doktrin folgte. Der Marshallplan war kein Akt eines Samariters und entsprach natürlich auch nicht den Bedürfnissen der europäischen Völker, sondern folgte den politischen und ökonomischen Interessen des USA-Imperialismus. Die darin „enthaltenen amerikanischen Kredite und ‚Geschenke‘ waren (…) schon so bemessen, dass die Teilnehmerstaaten am ERP in Abhängigkeit von den USA geraten mussten. (…) Die ökonomische Zusammenfassung der kapitalistischen Länder Europas und die Blockbildung gegen das sozialistische Lager bedingten sich gegenseitig; ein westlicher Militärblock wurde mit der Gründung der NATO 1949 geschaffen. Die zunehmende Verschmelzung der ökonomischen und militärischen(…) Seite der ‚Wirtschaftshilfe‘ zeigt sich im eindeutigen Übergewicht der Rüstungshilfe gegenüber der Wirtschaftshilfe: im Haushaltsjahr 1951/52 waren für Europa 5,24 Milliarden Dollar an Militärhilfe und 1,65 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe vorgesehen.“ (4)

 

Das vormalige faschistische Zentrum der weltweiten Reaktion, Deutschland, drückte wie kaum ein anderes Land in Europa diese Lage und das Kräfteverhältnis internationaler Widersprüche wie kein zweites aus, denn 1949 erfolgte unter Führung und auf Drängen der USA und Großbritanniens die Gründung der BRD, erst daraufhin (und nicht wie in der bürgerlichen Populärgeschichte meist dargestellt) wurde in der sowjetischen Zone mit Gründung der Deutsche Demokratischen Republik geantwortet. Die Teilung und Spaltung Deutschlands erfolgte daher als Teil eines Vorstoßes der führenden Imperialisten gegen die Kräfte des Fortschritts, welche sich im weltweiten Kampf gegen den Faschismus entwickelten und trotz eines enormen Blutzolls gestärkt daraus hervorgingen.

 

Die nationalen Voraussetzungen

 

Im Kampf gegen Kommunismus und Antiimperialismus nahm Österreich einen überaus wichtigen Platz in der US-Strategie und damit im Marshall-Programm (das am 2. Juli 1948 von Österreich und den USA unterzeichnet wurde) ein. Daher sind hier zwischen 1948 und 1953 auch die höchsten pro-Kopf-Zahlungen aller Marshall-Plan-Teilnehmerländer festzustellen, nämlich 900 Mio. US-Dollar.

 

 

 

Die Propaganda für den Marshall-Plan ähnelt außergewöhnlich stark der heutigen EU-Propagnda.

 

Kurz vor der Unterzeichnung des Marshall-Plans durch die österreichische Bundesregierung aus ÖVP/SPÖ kam es 1947 zu einer Währungsreform, die von den Regierungsparteien unter Schirmherrschaft der West-Alliierten durchgeführt wurde. Die KPÖ lehnte diese Reform als Enteignungsprogramm ab und trat aus der gemeinsamen, nach der Befreiung 1945 gebildeten Regierung der „demokratischen Einheit“ aus, da die Währungsreform laut Bundesminister Karl Altman „Wieder nur die Geldeigentümer und nicht die Sacheigentümer“ (5) traf.

 

Der Bargeldbesitz war durch Wechsel im Zuge der Reform hauptsächlich von Entwertung betroffen, neue Konten hingegen, die damals v.a. durch Nachkriegsgewinnler, Händler, Spekulanten und Schwarzhändler angelegt werden konnten, blieben unberührt, da ihre Einlagen (im Gegensatz zum Bargeld) beinahe ohne Wertverlust gewechselt wurden (6). Die Währungsreform war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Austritt der KPÖ aus der gemeinsamen Regierung wurde damit besiegelt, doch er war insgesamt das Resultat von sich schon längere Zeit verschärfenden Widersprüchen zwischen KPÖ und ÖVP/SPÖ, die gemeinsam mit den Westalliierten alles daran setzten, die KPÖ zurückzudrängen und zu diskreditieren.

 

Vorläufiger Höhepunkt dieser Politik war das gezielte politische Ausschalten und Beseitigen von bekannten Widerstandskämpfern, Kommunisten und Partisanenführern, wie es 1947 im oberösterreichischen Salzkammergut geschah. Die Ernährungslage war zu diesem Zeitpunkt überaus kritisch, unter anderem herrschte ein akuter Milchmangel, was insbesondere für die Kinderversorgung schwerwiegende Folgen hatte. Es folgten kleinere Kundgebungen, die gegen diesen Zustand protestierten, bis sich der Unmut der Bevölkerung in einer größeren Demonstration ausdrückte bei der eine Frauendelegation eine Resolution vorlegte in welcher die Sicherstellung der Milchversorgung von den lokalen Behörden, insbesondere aber vom US-Militär gefordert wurde. Demonstrantinnen und Demonstranten nahmen sich den Balkon des Rathauses und hielten von dort aus Reden, bei welchen aber auch Vertreter der lokalen Behörden am Balkon anwesend waren. Ein Teil der Demonstranten löste sich aus der Menge und setzt seine Demonstration durch Bad Ischl fort. Die US-amerikanischen Besatzungstruppen hatten die Situation nicht mehr im Griff und sehen sich mit großen Protesten gegen ihre Versorgungspolitik konfrontiert. In den Tagen nach diesen Ereignissen wurde zuerst die militärische Präsenz der US-Truppen im Salzkammergut und in Linz erhöht. Daraufhin kommt es zur Verhaftung von mehreren Personen, unter ihnen Maria Sams, die 1879 in Ischl geborene Arbeiterin die auch im Februar 1934 kämpfte, in diesen Tagen zur KPÖ übertrat und nach 1945 als „Partisanenmutter“ bekannt war, da sich auch als ältere Frau eine wichtige Funktion im Widerstandskrieg gegen den deutschen Faschismus einnahm. Ein weiterer der Festgenommenen war Raimund Zimpernik, ebenfalls ein Bad Ischler Arbeiter, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand 1941 von der Gestapo verhaftet wurde und bis zur Befreiung in diversen Konzentrationslagern eingesperrt war. Er wurde zu 15 Jahren Kerker verurteilt, Maria Sams ebenso zu mehreren Jahren. Insgesamt wurde gegen vier der Angeklagten 28 Jahre Kerker verhängt. Die US-amerikanischen Behörden rechtfertigten dies damit, dass die Angeklagten in ihren Reden und durch die Frauenpetition (die unter anderem von Maria Sams initiiert war) „aufgewiegelt“ hätten, sowie die Demonstration auch antisemitisch gewesen und immer wieder judenfeindliche Parolen zu hören gewesen seien. Obwohl im ganzen Gerichtsprozess kein Beweis für die angebliche „Aufwiegelei“ gebracht werden konnte (selbst der damalige Bezirkshauptmann sagte aus, dass von „Aufwiegelei“ keine Rede gewesen ist) und auch die angeblichen antisemitischen Ausfälle von niemand anderem als von Angehörigen der US-Militärbehörden (also der Anklage) wahrgenommen werden konnten, wurden Kerkerstrafen ausgesprochen. Das führte zu einer Welle der Entrüstung in der Arbeiterklasse und unter Teilen der demokratischen Kräfte. Die Journalistengewerkschaft protestierte entschieden, da sie noch dazu vermleden musste, dass Journalisten vom Prozess ausgeschlossen wurden, der KZ-Verband legte ebenfalls schärfsten Protest gegen die Verurteilung der Antifaschisten durch ein US-Militärgericht ein. Die lokalen Organisationen aller drei Nachkriegsparteien (ÖVP, SPÖ, KPÖ) im Salzkammergut forderten die sofortige Freilassung der Inhaftierten und sämtliche Betriebsräte der Metallindustrie Oberösterreichs forderten den Gewerkschaftsbund geschlossen dazu auf, für den Protest gegen dieses Urteil auch den Weltgewerkschaftsbund zu mobilisieren. Bei einer Kundgebung in Knittelfeld meinte selbst der SPÖ-Nationalratsabgeordnete Eibegger: „Es ist das letzte Mal, daß die Arbeiterschaft sich mit einem Protest begnügt!“ und in Sankt Pölten trugen Arbeiter bei einer Protestkundgebung ein Transparent mit der Parole: „Ein Viertelliter Milch – 15 Jahre Zuchthaus. Das ist die erste Rate des Marshall-Plans!“ (7). Es war offensichtlich, dass die Situation für die Herrschenden und die US-Militärbehörde zu eskalieren drohte und dass die Sozialdemokratie Gefahr lief, die Kontrolle über wichtige Sektoren der von ihr Organisierten Massen zu verlieren. Die Verurteilten wurden daher nach einer lange anhaltenden Protestwelle begnadigt. Dies erfolgte auf direkte Intervention des ÖVP-Bundeskanzlers Figl bei den US-Militärbehörden. Figl wies ausdrücklich darauf hin, dass die österreichischen Parteien die Situation bald nicht mehr kontrollieren könnten und warnte vor „griechischen Verhältnissen“, also einem Bürgerkrieg (8).

 

Die „Partisanenmutter“ Maria Sams

 

Protestkundgebung für die Freilassung Raimund Zimperniks, Wien

 

Dem sogenannten „Ischler Milchprozess“ folgte eine weitere Propagandawelle, die von den US-Behörden gemeinsam mit der westdeutschen Presse geführt wurde. Zugespitzt war sie vor allem auf den ehemaligen Anführer der Partisanen des Salzkammrgut im Toten Gebirge, Sepp Plieseis. Dieser flüchtete während des „Milchprozesses in die sowjetische Zone, ebenso seine Frau, da beide auf den Verhaftungslisten der US-Militärs standen. Doch die gegen ihn und sein hohes Ansehen in der Bevölkerung gerichtete Kampagne riss nicht ab. Noch 1952 beschrieb ihn das deutsche Magazin „Der Spiegel“ als „Berufsrevolutionär und Terrorist“, der ein „Wegbereiter für eine mögliche sowjetische Gesamtoperation im europäischen Raum“ sei. Sepp Plieseis und seine Partisanen seien die „Fünfte Kolonne im Salzkamergut. Bis zum nächsten Jahr muss auf Weisung von Moskau hin das Tote Gebirge eine sowjetische Insel im westlichen Meer sein!“ (9), sparten die Schmierer des „Spiegels“ nicht mit Phantasie im Dienste imperialistischer US-Interessen.

 

Im Juli 1948 unterzeichnete die von ÖVP und SPÖ gebildete Bundesregierung den Marshallplan (ERP) und akzeptierte damit daran geknüpfte Bedingungen, beispielsweise: Stabilisierung der Währung, ausgeglichener Staatshaushalt, hohe Unternehmensgewinne die Investitionen anregen sollen, Löhne niedrig halten, Konsum einschränken (10). Die Ziele und Zwecke der ERP-Gelder wurden dabei alleine durch die USA bestimmt. „Als die österreichische Regierung 150 Mio. für den Bau von Wohnungen beantragte, wurde dieser Kredit auf Weisung von Washington nicht bewilligt“ ebenso wurde der Wiederaufbau einer eigenen Autoindustrie verweigert und der österreichischen Autoproduktion nur „die Rolle eines Zulieferers und des Absatzmarktes für Autos eingeräumt“ (11). Diese Rolle und Industriezusammensetzung besteht bis heute und wird beispielsweise in Entwicklungen wie bei MAN-Steyr, oder Magna immer wieder deutlich spürbar.

 

Diese durch den Marshall-Plan und nach den strategischen Plänen der USA für Europa geformte ökonomische Zusammensetzung wurde durch die Verstaatlichten-Politik der SPÖ (insbesondere die viel gelobte „Ära Kreisky“) nicht aufgebrochen, sondern ausgebaut, insbesondere in Abstimmung mit westdeutschen Monopolen, die eine sehr wichtige Achse der us-amerikanischen Europapolitik der Jahre nach 1945 waren. War die österreichische Wirtschaft in den Jahren vor dem Marshall-Plan stark mit Mittel- und Osteuropa verbunden, wurde sie durch den ERP vollkommen umgestellt, wozu nicht nur die schon erwähnten Zahlungen in der Höhe von 900 Mio. US-Dollar wichtig waren, sondern auch die us-amerikanische Warenschwemme die den österreichsichen Markt überrollte und Güter im Wert von nochmal 280 Mio. Dollar umfasste. „Innerhalb weniger Jahre war Österreich wirtschaftlich umgepolt worden. Nur mehr 13 Prozent des Handels gingen nach dem Osten“ (12) Um das alles durchzusetzen, arbeiteten die Marshallplan-Strategen eng mit der Sozialdemokratischen Partei und der Führung der Gewerkschaften zusammen. Sie organisierten Schulungen, Finanzierten Kurse und luden die sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre in die USA ein. Als einer der ersten Reisenden in Sachen Marshallplan, der daraufhin imer wieder zu Schulungs- und Ausbildungszwecken in die USA fuhr, war der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Franz Olah. (Er sollte im Oktoberstreik eine wichtige Rolle auf Seiten der Reaktion spielen.) Die somit auf Linie der US-Interessen gebrachten Funktionäre jedenfalls, beschränkten in der Folge ihre Kritik am Marshallplan darauf, dass ÖGB und AK an der konkreten Umsetzung der Pläne zu wenig beteiligt gewesen wären, doch mit keinem Wort kritisierten sie den Marshall-Plan und die damit einhergehenden Belastungen für die Bevölkeung (13).

 

„Wiederaufbaubrigade der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ)“

 

„Plakat der FÖJ auf dem für einen selbstbestimmten Wiederaufbau mobilisiert wird.“

 

Die ökonomische Lage der Arbeiter und des Volkes war in den Jahren nach 1945 überaus schlecht, die Inflation raste und die Versorgungslage war fatal. Zwischen 1947 und 1951 wurden fünf Lohn-Preis-Abkommen (-Pakte) geschlossen. Durch die Währungsreform 1947 und das Erste Lohn-Preis-Abkommen (1. LPA) stiegen die Lebenserhaltungskosten um rund 20%, Löhne und Gehälter aber nur um 6% Trotz eines angeblichen „Lohn-Preis-Stopps“, der diese ungleichmäßige Entwicklung laut Regierungspropaganda stoppen sollte, stiegen die Preise weiter, weshalb es 1948 zu umfassenden ökonomischen Kampfmaßnahmen der Arbeiterklasse kam. Gleichzeitig waren die sozialdemokratischen und christsozialen Führer des Gewerkschaftsbundes nicht dazu bereit Lohnerhöhungen zu fordern. Der Druck aus den Betrieben stieg weiter und die Unzufriedenheit der Arbeiterinnen und Arbeiter wuchs. Sie erhoben in ihren Kämpfen die Forderung nach kräftigen Lohnerhöhungen und stellten der Regierung für die Lohnerhöhungen ein Ultimatum bis zum . In dieser Situation taucht nun zu ersten Mal in der Zweiten Republik die „modernisierte“ Form der „Putschlüge“ auf (deren ursprüngliche Formen schon im Habsburgerreich gegen Streiks eingesetzt wurden), welche später die wichtigste Propagandawaffe gegen die Streikenden im September und Oktober 1950 werden sollte: „In dieser Situation griffen die ÖGB-Bonzen zu einem probaten Mittel der Streikbekämpfung im Kalten Krieg: sie erfanden eine Kominformanweisung [Kominform steht für „Kommunistisches Informationsbüro“. Dieses war die internationale Organisation der Kommunistischen Parteien jener Zeit – Anm.], die Pläne für einen Putsch der Kommunisten enthielt, der am 15. September in der Steiermark, dem Streikzentrum, seinen Ausgang nehmen sollte. Der 15. September war die Frist für die Erfüllung einer 25%igen Lohnforderung. Die SPÖ gab die Erfindung der ‚Putschpläne‘ im nachhinein zu.“ (14)

 

Durch Wegfall verschiedener Preisstützungen stiegen Lebenserhaltungskosten bis 1949 (begleitet durch ein weiteres LPA) weiter rasant an, woraufhin Gewerkschaft und Arbeiterkammer ein zweites und drittes Lohn-Preis-Abkomen mit der Bundeshandelskammer abschlossen. Ihr Ziel war, ganz und gar in Verpflichtung auf die Marshallplan-Vorgaben, das Defizit im Staatshaushalt zu beenden. Die Kosten der „Budgetstabilisierung wurden auf die Lohn- und Gehaltsempfänger“ abgewälzt. (15) In fast allen großen Industriestädten kam es daraufhin zu Kampfaktionen und Streiks, an denen bundesweit rund 220.000 Personen teilnahmen, insbesondere die Teilnahme der Arbeiterinnen und Arbeiter in Wien und Steyr stechen dabei hervor. Besonderes Gewicht hatte neben Lohnforderungen in diesen Kämpfen die Arbeitslosenfrage. Bei einem Stand von rund 200.000 Arbeitslosen (bzw. 10%), wurde von den Arbeitern die Forderung nach Überbrückungshilfe in der Höhe von 600,- Schilling aufgestellt. Die ÖGB-Führung hingegen wollte nur steuerlich gestützte Preissenkungen (also vom Steuerzahler und damit schlussendlich auch von den Arbeitern selbst bezahlt), doch keine Zahlungen oder Lohnforderungen. Doch sie musste dem Druck der Arbeiter teilweise nachgeben und erhob schlussendlich selbst die Forderung nach einer Überbrückungshilfe für Arbeitslose in der Höhe eines Wochenlohns. Die von den Arbeitern geforderten 600,- Schilling Überbrückungshilfe entsprachen jedoch vier Wochenlöhnen einer mittelmäßig qualifizierten Arbeitskraft, lagen also deutlich darüber. Für die Streikenden und Demonstrierenden war die Forderung nach 600,- S Überbrückungshilfe ein einigendes Band und wurde sehr breit vertreten. Das begünstigte den teilweisen Erfolg ihrer Durchsetzung und in einzelnen Betrieben, wo die Kampfaktivitäten besonders stark waren, konnte sie sogar weit überschritten werden (16). Die Einheit und Solidarität der Arbeiterklasse feierten damit einen großen Erfolg, motivierten die Arbeiter und gaben ihnen nicht nur wichtige Erfahrungen und Lehren, sondern auch eine kräftige Portion Optimismus.

 

Der daraufhin im September und Oktober 1950 folgende „Oktoberstreik“, ausgelöst als Abwehrkampf gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen vom September 1950, wurde zu einem Kulminationspunkt der bisherigen Kämpfe der Arbeiterbewegung gegen das Marshall-Plan-Diktat, Inflation, Arbeitslosigkeit und verschiedene Lohn-Preis-Abkommen. Der Oktoberstreik wurde zum Kulminationspunkt, sowohl nach Umfang und Härte mit der er geführt wurde, doch auch in seinen Ergebnissen, wurde er zu einer Wende für die österreichische Arbeiterbewegung und prägt bis heute ihre politische Realität.

 

2. Der Oktobersreik 1950

 

Ein solcher Kulminationspunkt konnte der Oktoberstreik (nach Hans Hautmann (17)) vor allem wegen drei besonderer Faktoren werden:

1. Der enorme Kaufkraftverlust der Arbeiter durch die Lohn-Preis-Abkommen

2. Die Kampfbereitschaft der Massen, gesteigert durch einzelne Erfolge in vorhergehenden Kämpfen und die dabei gewonnenen Erfahrungen

3. Die aufklärende und organisierende Tätigkeit der Kommunisten.

 

Besonders zum ersten Punkt verdeutlichen einige Zahlen die Situation: Die Produktion lag 1950 schon 142 Prozent über dem Vorkriegsstand, Brot wurde mit dem vierten LPA um 26% teurer, Mehl um 64%, Semmeln um 59%, Zucker um 34%. Die Verkehrstarife stiegen um 25%, Strom ebenso, Hausbrandkohle (damals hauptsächliches Heizmittel) um 23%. (18) Die Löhne konnten da nicht mithalten und lagen im Schnitt 18% unter dem Vorkriegsniveau. Laut viertem Lohn-Preis-Abkommen wurden die Löhne nun wie folgt „angeglichen“: Lagen sie unter 1000,- Schilling wurden sie um 100,- ÖS erhöht, lagen sie darüber, betrug die Lohnerhöhung 10%, gleichzeitig wurden diese Lohnerhöhungen sofort gemindert und aufgefressen, da ebenso höhere Sozialversicherungsabgaben durch die Werktätigen zu bezahlen waren, sie allein lagen im Mittelwert zwischen 120 und 130,- ÖS (19). Schon Tage vor dem endgültigen LPA-Beschluss am 26. September enthüllte die KPÖ diese Tatsachen und machte vor allem in den Betrieben dagegen Stimmung. War in den Jahren bis 1949 die Versorgungslage überaus schlecht, also die „Kalorien nicht da“, war es nun umgekehrt: Es gab zwar Waren, aber niemand konnte sie sich leisten. (20)

 

Schon zuvor gab es heftige Erregung und Widerstand der Arbeiterklasse, in Wien gab es große Demonstrationen, in Vorarlberg einzelne kleinere Streiks. Als die Ergebnisse des vierten LPA auch durch die Medien auch offiziell bekannt wurden, gab es in der Arbeiterklasse aber kein Halten mehr… wovon die KPÖ kurioserweise überrascht wurde! Obwohl sie in ihrer Mobilisierung und Organisationstätigkeit selbst zu Streiks aufrief, massiv gegen das vierte LPA agitierte und dessen Rücknahme forderte, wie sie auch die Rückgängigmachung der Preiserhöhungen und die Verdoppelung vorgesehener Lohnerhöhungen forderte, obwohl sie auf ihrem 14. Parteitag 1949 sogar die Einschätzung traf, dass sich die wirtschaftlichen Kämpfe im Land sehr ungleichmäßig entwickeln würden, überraschte es sie, als in Oberösterreich (Steyr und Linz), allen voran in den Linzer Vöest-Werken, der Streik ausbrach. Auf den Streikausbruch in den Vöest-Werken war die KPÖ erst recht unvorbereitet, da in diesem konkreten Fall die Zusammensetzung des Betriebsrats nicht gerade für ein besonders hohes Bewusstsein der Arbeiter sprach, war dort doch neben 14 Betriebsräten die sich aus SPÖ (12) und KPÖ (2) zusammensetzten die Hochburg des „Verbands der Unabhängigen“ (VdU), einem Sammelbecken der Nationalsozialisten und Vorgänger der FPÖ, der dort mit 14 Betriebsratsmandaten ebenso stark war, wie SPÖ und KPÖ gemeinsam (21).

 

Von Linz und Steyr ausgehend, breitete sich die Massenbewegung aus, und Oberösterreich blieb der Beteiligung nach auch das Zentrum des Streiks: In Wien streikten 242 Betriebe mit 41.000 Beschäftigten, in Niederösterreich 215 Betriebe und 54.500 Arbeiter, In der Steiermark legten 25.000 und in Salzburg rund 8000 die Arbeit nieder, doch in Oberösterreich schlossen sich 60.000 Arbeiterinnen und Arbeiter dem Streik an! Damit waren alle Bundesländer mit größeren Industriezentren von der Welle des Streiks erfasst. In den anderen Bundesländern, die im Rahmen der damals allgemein sehr schwachen Industrialisierung Österreichs im Oktoberstreik eher einen Nebenschauplatz bildeten, waren es insgesamt 1.500 die die Arbeit niederlegten.

 

Zentren des Oktoberstreiks 1950

 

Der Streik entwickelte sich in zwei Wellen: vom 26. bis zum 29. September, sowie vom 4. bis zu 6. Oktober 1950. Die dazwischenliegende Unterbrechung erfolgte auf einen Aufruf der KPÖ. Doch warum rief die KPÖ dazu auf den Streik zu unterbrechen? Sie machte dafür folgende Gründe geltend: Erstens wollte sie aus agitatorischen Gründen der Regierung ein Ultimatum stellen, in einer kurzen Frist die zur Erfüllung der Forderungen zugestanden wurde, die Arbeit wieder aufnehmen. Man erwartete sich davon, dass man dadurch weitere Schichten der Massen in die Streikbewegung einbeziehen könnte und vor den Augen aller Werktätigen zeigt, dass die Regierung nicht Willens ist, die gerechten Forderungen der Streikbewegung zu erfüllen. Zweitens wollte die KPÖ die Unterbrechung dafür nutzen, eine gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz durchzuführen und bei dieser auch eine gesamtösterreichische Streikleitung zu wählen, also die Bewegung zentralisieren und durch Vereinheitlichung und bessere Organisierung des Kampfes ihre Schlagkraft zu erhöhen. Diese Ziele waren einerseits verständlich, da die Streikbewegung aber schlussendlich nach der Unterbrechung nicht mehr den Schwung zurückgewinnen konnte den sie zuvor hatte und geschwächt daraus hervorging, stellte sie sich dennoch als schwerer Fehler heraus. Die Erfahrungen mit „Massenbewegung zeigen in der Tat, dass man sie nicht auf Knopfdruck aus- und wieder einschalten kann“ (22) Weiter wog der Fehler der Steikunterbrechung insofern besonders schwer, weil dadurch die Regierung und insbesondere die SPÖ eine Verschnaufpause bekamen, sich gewissermaßen konsolidieren konnten und nun mit voller Kraft mit der Lüge vom angeblichen „kommunistischen Putschversuch“ vorpreschten. Zuvor „hatten sie das aufgrund des Faktums, dass der Streik gerade in Betrieben mit SPÖ-Mehrheit unter den Belegschaften ausgebrochen war, nicht zu behaupten gewagt.“ (23)

 

Beging die Führung der KPÖ also zu Beginn des Streiks einen „rechten Fehler“, nämlich dass sie sich offenbar nicht an ihre eigenen richtigen Einschätzungen von der ungleichmäßigen Entwicklung der Klassenkämpfe hielt und die Kraft der Arbeiterklasse sowie die Explosivität der Stimmung in den Massen unterschätzte, verfiel sie im Verlaufe des Kampfes in einen „linken Fehler“, nämlich die absolute Überschätzung der spontanen Kräfte der Massenbewegung und der eigenen Kräfte, sowie eine massive Unterschätzung des Gegners, seiner Konsolidierungsfähigkeit und seines Propagandaapparats. Die Kommunistische Partei verstand diesen Fehler, es entwickelte sich innerhalb der Partei eine Auseinandersetzung darüber, wie die gemachten Fehler zu verstehen sind und was ihre Ursachen waren. Diese Auseinandersetzung spiegelt sich in Dokumenten des Zentralkomitees wider, ebenso wie in der selbstkritischen Auswertung des Oktoberstreiks, die am 15. Parteitag 1951 zusammengefasst wurde.

 

Die Herrschenden gingen mit äußerster Härte gegen den Streik vor, sowohl politisch als auch ideologisch. Einerseits gab es die berühmten Prügelbanden des Gewerkschafters Franz Olah. Geschätzt werden sie auf eine Stärke von ca. 2000 bis 3000 Mann, zusammengesetzt aus Faschisten die die Streikenden überfielen. Sie bildeten aber nur eine „Ergänzung“ zur staatlichen Repression: „Behörden und Gewerkschafter griffen zu massiven Mitteln des Streikbruchs, der Aussperrung mit Waffengewalt, der Besetzung von Betrieben mit bewaffneter Gendamerie und Polizei (…) auch die Steyr-Werke wurden von Gendarmerie besetzt (…) Dutzende Betriebsräte in Donawitz und anderen Betrieben wurden verhaftet; in vielen Betrieben wurden Prügelgarden aufgestellt.“ (24) Dass heute in sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und allgemein in bürgerlichen Artikeln und Sendungen zum Thema in der Frage der Repression gegen die Streikenden beinahe ausschließlich von Franz Olahs faschistischen Prügelgarden die Rede ist, verwischt die realen politischen Kräfteverhältnisse, verschweigt die offizielle staatliche Repression durch Gendamerie und Polizei und lässt damit die Arbeiterbewegung und die KPÖ relativ hilflos gegenüber den Prügelbanden aussehen. Daher ist es wichtig, das reale Ausmaß der Repression zu betonen, das weit über die faschistischen Banden Olahs hinausging. Auch nach dem Streik ging es in dieser Richtung weiter: Insgesamt wurden rund 1.000 Arbeiter entlassen oder gekündigt (25), vor allem in der Vöest und in Steyr, wo sich die Zahl „Gemaßregelten“ bis 1953 fortlaufend auf 450 erhöhte. Die Vergeltungswelle dauerte mehrere Jahre an. Im ÖGB wurden 85 KPÖ-nahe Funktionäre aus Leitungsgremien und Verantwortungspositionen entfernt, auf Initiative Franz Olahs wurde überhaupt der Beschluss gefasst, dass eine Mitgliedschaft von Kommunisten in der Gewerkschaft Bau-Holz nicht erlaubt ist. Der SPÖ-Innenminister Helmer, berüchtigt für seine Nähe zu Nationalsozialisten, wollte auch den Polizeiapparat säubern, in Wien wurde er daran aber von der sowjetische Besatzungsmacht gehindert (26).

 

Straßenschlacht von Streikenden mit Holzlatten tragenden faschistischen Prügelgarden.

 

SPÖ-Propaganda von der Gefahr der Teilung des Landes als Folge des Streiks.

 

Mit der politischen Repression, dem umfassenden Einsatz von Polizei und Gendamerie (Das Bundesheer gab es damals noch nicht, weshalb Teile seiner Aufgaben von der sogenannten „Sondergendamerie“ oder auch „B-Gendamerie“ übernommen wurden), ergänzt durch die Mobilisieurng von Faschisten ind Prügelgarden, war es aber nicht getan. Die wohl weitaus wirkmächtigere Waffe der Herrschenden war ideologisch: die Putschlüge.

 

3. Die ideologische Waffe der Putschlüge

 

Wie schon 1947 (siehe oben), wurde auch 1950 vor allem durch die Sozialdemokratie und den ÖGB verbreitet, dass die Kommunistische Partei, natürlich auf „Anweisung Moskaus“ durch den Streik einen Putsch durchführen wollte. Während noch 1985 die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten von den Streikenden als „Terroristen“ sprach und auch in der Schrift „100 Jahre Gewerkschaft der Eisenbahner“ vom Streik als „Terror“ die Rede ist, gilt die Putschlüge heutzutage in breiteren Kreisen als überholt und ist durch die Gewerkschaft zumindest teilweise zurückgenommen worden. So schreibt der ausgewiesen ÖGB-nahe Historiker Peter Autengruber selbstkritisch: „Die Putschthese ging also von der Sozialdemokratie bzw. von sozialistischen Gewerkschaftern aus. Die ÖVP beteiligte sich an dieser Argumentation (…) Die Putschthese entstand gezielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges: Sie entsprang der Furcht der nicht-kommunistischen Mehrheit des ÖGB vor einer kommunistischen Machtübernahme (…) Selbst wenn bei einzelnen kommunistischen ParteigängerInnen Überlegungen zur Machtübernahme eine Rolle gespielt haben mögen, für die Zielsetzung des Oktoberstreiks spielten sie definitiv keine Rolle. Das war auch der ÖGB-Mehrheit aus SPÖ- und ÖVP-GewerkschafterInnen bewusst, als sie die wichtigsten am Oktoberstreik beteiligten angestellten und/oder gewählten Funktionäre und Funktionärinnen entließen und/oder aus dem ÖGB aussschlossen“ und er fährt, den sozialdemokratischen Historiker Oliver Rathkolb zitierend, fort: „Die Putsch-Metapher (…) diente als perfektes Instrument, um die Sozialdemokratie endgültig vom Verdacht freizuspielen, sie plane eine Einheitsfront mit der KPÖ.“ (27)

 

Doch auch wenn heute Teile der Sozialdemokratie und der Herrschenden Klasse von der Putschlüge abrücken, so nahm sie doch 1950 einen zentralen Platz im Kampf gegen die Arbeiterbewegung und ihres Aufbegehrens gegen das Lohn-Preis-Abkommen ein. Sie wurde zu einem historischen „Erinnerungsort im Abwehrkampf gegen den Kommunismus“ (28) und Generationen von Gewerkschaftern und Betriebsräten wurden in Gewerkschaftsschulen und gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen in diesem Sinne erzogen (29) - was bis heute merkbar ist.

 

Bereits am 27. September, also nach einem Tag Streik, ersuchten Innenminister Helmer (SPÖ) und Außenminister Gruber (ÖVP) die westlichen Besatzungsmächte um deren Einschreiten und bezeichneten den Streik als „Unruhe“ die „unterdrückt werden muss“ (30). Die Westalliierten hatten aber an einer Eskalation der Lage zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse. Auch die Sowjetunion wollte keine Eskalation, die ihrerseits mit einer Unterstützung der Streikenden durch die Rote Armee gegeben gewesen wäre. Doch gerade hier setzte die Putschlegende an und bezichtigte die sowjetische Besatzungsmacht der „Steuerung“ des Streiks, bzw. dass die Sowjetunion „Interesse am Streik“ hätte, wie der US-General Keyes der sowjetischen Vertretung vorwarf (31). Dieser Vorwurf war von vornherein absurd, denn der Streik begann eben gerade nicht in den sowjetisch verwalteten USIA-Betrieben, sondern in der US-amerikanischen Zone. Außerdem hatten die sowjetischen Behörden wenig Interesse daran, die unter ihrer Kontrolle stehenden USIA-Betriebe zu schädigen, wurden aus ihnen doch Reparationszahlungen geleistet. Auch Walter Stern, als Betriebsrat bei C.P. Goertz ein aktiver Teilnehmer des Oktoberstreiks, weist darauf hin, dass die sowjetischen Verwalter den Streikenden zwar „Lastwägen zu Verfügung stellten“ damit sie besser von Betrieb zu Betrieb kamen, aber damit erschöpfte sich im Wesentlichen die unmittelbare Streikunterstützung (32) Eine nachgewiesene Intervention durch die sowjetische Militärbehörde gab es aber tatsächlich: als Innenminister Helmer Gendamerie- und Polizeitruppen nach Wiener Neustadt zusammenziehen ließ, befahl die sowjetische Kommandatur deren Demobilisierung. Nicht so in den Westzonen, wo vereinzelt die österreichischen Repressionsorgane Unterstützung durch US-amerikanische Militärpolizei erhielten.

 

SPÖ und ÖGB erklärten den Streik von Beginn an für illegal, sinnlos und schädlich. Ab dem 30. September (also im Zeitraum der Streikunterbrechung) wurde dann behauptet, es gehe „nicht mehr um Schillinge oder Lohnprozente, sondern um die Freiheit unseres Landes“ (33). Damit war ein wichtiger Wendepunkt erreicht: Der Streik und Massenkampf wurde in der bürgerlichen Propaganda abgelenkt von den gerechten Tagesforderungen und Zielen, Gegenstand wurde jene „Freiheit und Selbstbestimmung“ Österreichs, wie sie vom US-Imperialismus verstanden wurde. Dem entgegen stand das Eintreten der Kommunisten für die Ziele der Streikbewegung, für nationale Selbsbestimmung, gegen die Lohn-Preis-Abkommen, also ein Gegenentwurf der die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs wesentlich unter der Führung der Arbeiterklasse gebracht hätte. Der sozialdemokratische ÖGB-Funktionär Fritz Klenner schrieb damals dazu: „Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, daß die Kommunistische Partei zum Schlag gegen die demokratische Republik auszuholen versucht. Ihr Plan geht dahin, die Leitung des Gewerkschaftsbundes und der angeschlossenen Gewerkschaften in ihre Hände zu bringen und damit die gesamte Gewerkschaftsbewegung, das stärkste Bollwerk der Demokratie in diesem Lande überhaupt, zu beherrschen. Mit Hilfe dieses Instruments soll dann, wie dies in unseren Nachbarländern geschah, die Regierung gestürzt und die Volksdemokratie errichtet werden.“ (34) Gleichzeitig erließ der ÖGB-Vorstand am 5. Oktober den Aufruf „Gewalt gegen Gewalt“. In diesem rief man ganz offen zur Anwendung von massiver Gewalt gegen die Streikenden auf: „Alle Mittel, welche die Terroristen anwenden, um euch zum Streik zu zwingen, müssen auch in der Verteidigung gebraucht werden. Setzt der Gewalt die Gewalt entgegen und verteidigt euren Betrieb!“ (35)

 

Doch gab es vielleicht einen bestimmten Anlass für das Entstehen der Putschlüge, steckt in ihr möglicherweise ein Körnchen Wahrheit? Nein. Auch wenn es vereinzelte regionale Aktionen lokaler KPÖ-Einheiten gab, die über den ökonomischen Kampf hinausgingen. So wusste „Franz Loistl, Zentralbetriebsratsobmann im Zistersdorfer Erdölgebiet, von einer ‚Reihe von Leuten‘ zu berichten, die sich ‚während des Streiks nicht an die Anweisungen des Streikkomitees gehalten haben und ultralinke Einstellungen hatten.‘“ (36) Und auch der schon erwähnte Walter Stern berichtet Ähnliches (37). Hubert Friesenbichler (Funktionär der KPÖ sowie der Freien Österreichischen Jugend), damals Kulturreferent des Betriebsrats im Wiener Kabel- und Metallwerk Floridsdorf, konnte ebenso keine Putschabsichten erkennen, sondern: „dass ein Gendamerieposten in Gänserndorf besetzt worden sei, wurde bei Gesprächen in der Bezirksleitung eher als heitere Anekdote denn als eine ernstzunehmene Aktion aufgefasst.“ (38)

 

Natürlich gab es von vielen Genossen die Hoffnung auf „größere Dinge“ und selbstverständlich sah man den Streikkampf und die Massenbewegung in der KPÖ als hervorragende Bewegung die eine Entwicklung hin zur Volksdemokratie erleichtern würde. Aber nicht am Wege eines Putsches, sondern im Kampf um die Arbeitereinheit, die von der KPÖ als Voraussetzung dafür begriffen wurde, um überhaupt zur Volksdemokratie gelangen zu können. Zu behaupten, dass zumindest ein relevanter Teil, oder eine bestimmte Linie in der Kommunistischen Partei Putschpläne verfolgte, ist nichts als eine Lüge, daher schärfstens zurückzuweisen und es ist natürlich kein Zufall, dass von Seiten reaktionärer Kräfte bisher kein einziger Vertreter der KP-Führung genannt werden konnte, der sich positiv auf Putschpläne bezogen hätte. Auch strategisch wäre ein Putsch vollkommener Irrsinn gewesen, was selbst der rabiat antikomunistische, freiheitliche Historiker Lothar Höbelt feststellen muss: „Ein klassischer Staatsstreich hätte in einem Land, in dem die militärische Gewalt ausschließlich bei den Besatzungsmächten lag, freilich auch gar keinen Sinn.“ Und einer der führenden bürgerlichen Militärhistoriker, der ebenfalls kommunistischer Sympathien vollkommen unverdächtige Manfred Rauchensteiner räumt ein: „...an einen Staatsstreich konnte wohl nur ein Phantast glauben.“ (39) soweit zur realistischen Beurteilung.

 

Für SPÖ und ÖVP war die Putschlüge aber bitter notwendig, denn es ging darum den Einfluss in den Gewerkschaften vollständig in sozialdemokratische Hand zu bringen (mit einigen starken Reservaten für ÖVP-Funktionäre) und damit die Konstituierung der Sozialpartnerschaft abzuschließen, bzw. nicht zu gefährden. Der schon zitierte Fritz Klenner, lange Zeit ÖGB-Verantwortlicher für Bildung und Gründer des gewerkschaftseigenen Verlags, also ideologisch einer der führenden Funktionäre des ÖGB, war wesentlicher Einpeitscher der Putschlüge, stellte Jahre später aber ganz freimütig fest: „Es handelte sich sicherlich nicht um einen politischen Putschversuch, aber ein Erfolg der Kommunisten hätte zu ihrem wachsenden Einfluss im Gewerkschaftsbund geführt“und weiter: „Die Streiks und Arbeitnehmerunruhen von 1950 waren sicherlich groß, aber kein Putsch; das muss heute der Wahrheit halber anerkannt werden. Es war eine verständliche Reaktion, insbesondere der kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre, gegen die Lohn- und Preisabkommen, der sich der Großteil der nicht-kommunistischen Arbeiter und Angestellten angeschlossen hatten.“ (40) Die Putschlüge wurde ab den 70er und 80er Jahren von allen ernstzunehmenden demokratischen Historikern in Abrede gestellt und als das benannt was sie war: eine propagandistische Lüge! Auch wenn es in gewissen gewerkschaftlichen und demokratischen Kreisen (und in Einzelfällen auch darüber hinaus) eine Tendenz dazu gibt, die Putschlüge klar zurückzuweisen, lässt sich doch auch ein gegenteiliger „Trend“ feststellen. Denn seit den 1990er Jahren kommt es durchaus auch zu einem bestimmten Revival der Putschlüge, beginnend bei reaktionären Historikern wie Roman Sandgruber (Vorstand des Linzer Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Mitglied der KÖHV Amelungia zu Wien), Wilhelm Brauneder (ehemaliger Dritter Nationalratspräsident, FPÖ) bis hin zur Gewerkschaft Bau- Holz, die 1995 bei ihrer damaligen Zentrale eine Tafel enthüllte auf welcher der Niederschlagung des Oktoberstreiks als dem „Kampf um die Freiheit Österreichs“ gedacht wird. Für gewisse Kräfte ist die Putschlüge also nach wie vor aufrecht, in gewissen Formen kommt sie daher auch immer mal wieder in bürgerlichen Abhandlungen zum Thema vor, da eine zwar kleine, doch überaus einflussreiche reaktionäre Minderheit sie weiter aufrecht erhält.

 

Ein weiterer bedeutender und noch heute überaus lebendiger Faktor im ideologischen Kampf des Kapitals gegen den großen Streik vom Oktober 1950, waren die diversen Propagandalügen der Totalitarimustheorie (also der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus), sowie der von ihr als sozialdemokratische Spezialität abgleiteten Theorien über ein angebliches Zusammengehen von Kommunisten und Faschisten gegen die liberale, bürgerliche Demokratie (Eine Theorie die heute nicht selten als „Querfront“ bezeichnet wird). Schon beim Streik 1947 wurde – wie oben erwähnt – die Putschlüge vom angeblich „durch die Kominform gesteuerten“ Streik wesentlich durch sozialdemokratische Organe verbreitet, auch das erfolgte aber nicht ohne die Kommunisten mit den Nazis in Verbindung zu setzen: „Einige Kominformjünglinge spielen dieser Tage den ‚großen Generalstab‘ (…) und hecken etwa folgenden Plan aus: Einige (ferngelenkte) Frauen sammeln sich in Kampfenberg. (…) Nachdem die Kommunisten einsahen, daß die obersteirischen Arbeiter ihren demagogischen Schreiereien kein Gehör schenkten, änderten sie ihre Taktik und gingen zu einem vom Ausland befohlenen Terror über. Eine große Zahl von Kommunisten mußte aus der Partei austreten, um bei den geplanten kommenden Zwischenfällen nicht als KP-Angehörige vor Gericht und in der Öffentlichkeit erscheinen zu müssen. Diese Leute werden dann nach Niederösterreich in Parteischulen geschickt, wo sie im Terrorhandwerk vollendet ausgebildet werden, um dann als die SS-Terrorgruppen der KPÖ zurückzukehren (…) Nach den Prinzipien des faschistischen Terrors, mit wenigen geschulten Kräften einen Umsturz in den Betrieben hervorzurufen, versucht also auch die KP Unruhe zu stiften. So wurde der Streik in Kapfenberg zum Großteil von werksfremden Kommunisten (provoziert …) durch Einschüchterung der Arbeiter, indem ihnen mit Verschleppung und den Russen gedroht wurde. (…) Die KP nutzt diese Situation aus und plant auf Grund eines Befehls des ZK für die Mitte des Monats ein den meisten österreichischen Industrieorten größere Unruhen zu inszenieren (…) Wenn das geschieht, sollen die Männer aus den Betrieben geholt, zu Streik und Umsturz aufgerufen werden, um auch in Österreich eine ‚Volksdemokratie“ zu errichten.“ (41) In dieser Linie propagierte die SPÖ auch im Oktoberstreik, als sie in ihrer Theoriezeitschrift „Die Zukunft“ zuerst von einem „Septemberputsch“ phantasierte, und sich dann sogar dazu steigerte festzuhalten, dass dieser Putsch durch eine „kommunofaschistische Einheitsfront“ (!) realisiert werden sollte (42). Damit begegnete die Sozialdemokratie dem Umstand, dass beispielsweise in der Vöest der VdU die Betriebsratsmehrheit hatte und VdU-Mitglieder in einzelnen Aktionen der Streikenden (insbesondere in Oberösterreich und der Steiermark) prominente Rollen einnahmen, wenngleich diese v.a. den Kommunisten zugeschrieben wurden.

 

Zum Ende und den Ergebnissen des Oktoberstreiks

 

Der Streik fand, beginnend mit der Unterbrechung, keine Dynamik mehr und verlief fortan im Sand. Ein Erfolg war aber zweifellos, dass es die Herrschenden für mehrere Jahre nicht mehr wagten, ein weiteres Lohn-Preis-Abkommen abzuschließen. Die 1951 stattfindenden Betriebsratswahlen brachten darüber hinaus ein von KPÖ, insbesondere aber von ihren Gegnern, nicht erwartetes Ergebnis – nämlich die sprunghafte Steigerung des Einflusses der Kommunistischen Partei in den Betrieben und innerhalb der Volksmassen. Insbesondere in den Linzer Vöest-Werken leitete der Oktoberstreik auch den Niedergang des Einflusses des VdU in den Betrieben ein, auch das war ein bedeutender Erfolg.

 

„Und obwohl sie in der Gewerkschaft durch Ausschlüsse und in den großen Betrieben durch Entlassungen Positionen einbüßte, festigte sie in der Folge ihr Ansehen in der Arbeiterschaft. Bei den Betriebsratswahlen in der VÖEST 1951 steigerte sich ihr Anteil unter den Arbeitern , verglichen mit 1949, von 9,5 auf 30,3 Prozent, bei den Angestellten von 7,7 auf 14,2 Prozent. In den VÖEST-Abteilungen Stahblau, Maschinenbau I und im Stahlwerk wurde die Liste der Gewerkschaftlichen Einheit [KPÖ-nahe Gewerkschaftsliste – Anm.] sogar zur stärksten Fraktion. Es war der größte Wahlerfolg in der Geschichte des Werkes überhaupt, und er zeigte, dass die Arbeiter und Angestellten der VÖEST jenen Kollegen das Vertrauen aussprachen, die im September und Oktober 1950 bis zuletzt an ihrer Seite gestanden waren. Dasselbe zeigte sich in Steyr, wo die Kommunisten bei den Betriebsratswahlen 1951 mit 2.055 Stimmen die höchste Stimmenanzahl erreichten, die sie dort je hatten, und mit acht Mandaten in den Arbeiterbetriebsrat einzogen. Ebenso war es in anderen österreichischen Industriebetrieben. Auch auf politischer Ebene äußerte sich dieser Trend. Gottlieb Fiala, der wenige Monate nach seinem Ausschluss aus dem ÖGB als kommunistischer Kandidat bei den Bundespräsidentenwahlen antrat, erhielt im Mai 1951 220.000 Stimmen, die höchste Stimmenzahl, die die KPÖ bei Wahlen in ihrer Geschichte jemals erreichte.“ (43)

 

4. Die Lehren des großen Oktoberstreiks

 

Einige wichtige spezifische Lehren dieses große Streiks lassen sich überblicksmäßig wie folgt zusammenfassen:

 

1.) Der Ausgang des Streiks markierte auch das vorläufige Ende des Kampfes um die gesellschaftliche Ausrichtung Österreichs in dieser Periode der Klassenkämpfe. Er zementierte die „Westintegration“ als Entwicklungsweg unter der Hegemonie des USA-Imperialismus. Er brachte eine Entscheidung im Kräftemessen darüber, welche Klasse die Auseinandersetzung um Souveränität Österreichs führt: die Bourgeoisie. Damit wurde auch der Weg für die folgende EWG-Integration und später den EU-Beitritt vorgezeichnet.

 

2.) Der Oktoberstreik stellte die in Herausbildung begriffene Sozialpartnerschaft massiv in Frage und hatte ihre Aufhebung zum Ziel. Dass das nicht gelang, kennzeichnete die Politik der österreichischen Arbeiterbewegung in der Zweiten Republik und führte zur Etablierung des für die Grenzländer des Marshall-Plan-Systems zu den Volksdemokratien typischen Regierungssystems von Rot/Schwarz (bzw. umgekehrt).

 

3.) Der Antikommunismus wurde zu einem ideologischen „Grundkonsens“ der Zweiten Republik, nicht nur in der Bourgeoisie, sondern auch deutlich über sie hinaus, was wesentlich durch die Sozialdemokratie gelang. Dieser „Grundkonsens“ wurde erst mithilfe der Putschlüge und der nach dem Oktoberstreik vollständig durchgesetzten Führung der Bourgeoisie in der nationalen Frage etabliert und war nicht, als vermeintliche nationale Eigenart oder Ähnliches, „immer schon da“, wie es von linskliberaler Seite gerne heißt.

 

4.) Die Vorwürfe von einer angeblich gemeinsamen Front der KPÖ mit Nazis und „linkem Antisemitismus“, wurden als ideologische Waffe gegen die Kommunisten und gegen selbstbestimmte Aktionen der Arbeiterklasse und Volksmassen genutzt. Diese Art von Propagandalügen wurde (ebenso wie die schon in der Monarchie angewandte Putschlüge) für die Nachkriegsverhältnisse systematisiert und methodisiert.

 

5.) Die Kommunistische Partei erreichte eine Stärkung innerhalb der Betriebe, eine Stellung, die sie über lange Jahre in der Zweiten Republik als relatives Spezifikum gegenüber einer ansonsten allgemeinen politischen Schwäche, behalten sollte.

 

 

Der Hammer

 

Hammer, fliege – Hammer, töne!

Thor, der Gott, und Königssöhne

haben schon in alten Tagen

kräftig mit Dir zugeschlagen!

Und Du wurdest vor dem Schwert,

in der Vorzeit hoch geehrt.

 

Götter gaben Dich als Spende

in der Menschen willige Hände,

eine Welt hast Du entriegelt,

wichtig Ding und Tun besiegelt.

Und noch heut ist jeder Schlag

heilig wie am ersten Tag!

 

Hammer, töne – Hammer, klinge!

Denn ich spür, wenn ich Dich schwinge,

wenn die Schläge niederfallen,

mächtiger Götter Wohlgefallen.

Hammer, Du, in meiner Hand:

bist des Glückes Unterpfand!

 

- Hans Heidenbauer

(Im Schatten der Schlote, 1947)

 

 

 

Quellen:

 

(1) Hans Hautman: Der Platz des Oktoberstreiks in der österreichische Geschichte. Referat auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „Der große Streik des September/Oktober 1950“, 30. September 2000.

(2) Richard Zach: Bleibt stark! In: Richard Zach, Der Weg ins Licht, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien, ohne Jahresangabe, S.12

(3) Vgl. dazu: Gruber, Ronald; Hörzinger, Manfred: ...bis der Preistreiberpakt fällt. Der Massenstreik der österreichischen Arbeiter im September/Oktober 1950. Alois Wieser, Wien, 1975, S.8

(4) Gruber/Hörzinger 1975, S.9

(5) Autengruber, Peter; Mugrauer, Manfred: Oktoberstreik. Realität hinter den Legenden über die Streikbewegung im Herbst 1950. ÖGB-Verlag, Wien 2017, S.12

(6) Gruber/Hörzinger 1975, S.10

(7) Ischl… Wie es war. Stern-Verlag, Wien 1947, S.3-19

(8) Das Möglicheit eines von den US-Imperialisten und Großbritannein provozierten Bürgerkriegs wie in Griechenland, war damals durchaus eine tatsächliche Möglichkeit und nicht vom Tisch zu wischen. Die KPÖ beschäftigte sich insbesondere in der Zeit rund um ihren 14. Parteitag (1949) mit dieser Gefahr und behandelt die Frage in mehreren Artikeln und Dokumenten.

(9) Sepp Plieseis (1933-1966). Eine Dokumentation der KPÖ-OÖ. Eigenverlag, Linz 2015, S.36

(10) Autengruber/Mugrauer 2017, S.12

(11) Ebd.

(12) Rauchensteiner, Manfred nach: Autengruber/Mugrauer 2017, S.13

(13) Ebd.

(14) Gruber/Hörzinger 1975, S.16

(15) Gruber/Hörzinger 1975, S.17

(16) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(17) Hans Hautmann, 2000.

(18) Gruber/Hörzinger 1975, S.18-19

(19) Gruber/Hörzinger 1975, S.20

(20) Hans Hautmann, 2000

(21) Die derart ungewöhnliche Zusammensetzung des Vöest-Betriebsrats hat ihren Grund darin, dass die Arbeit im Stahlwerk einerseits besonders viel hochqualifizierte Arbeit erforderte, also Arbeitskräfte die nicht leicht zu ersetzen waren. Daher hatten die Vöest-Werke während der Herrschaft des deutschen Faschismus einen besonders hohen Anteil an Arbeitskräften die als „produktionsnotwendig“ vom Kriegsdienst befreit waren und nicht selten auch über gute Kontakte in die NSDAP verfügten. Diese Arbeitskräfte konnten auch nach der Befreiung ökonomisch nicht schnell ersetzt werden, außerdem gab es in der US-kontrollierten Zone eine Entnazifizierung nur in homöopatischem Ausmaß, d.h. es fehlte auch der politische Wille der alliierten Besatzungsmacht, weshalb sich dort über mehrere Jahre hinweg der VdU stark etablierte. Eine diesbezügliche Wende setzte erst mit den Oktoberstreik ein.

(22) Hans Hautman, 2000

(23) Ebd.

(24) Ebd.

(25) Ebd.

(26) Ebd.

(27) Autengruber/Murgauer, 2017, S.44 und 48

(28) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.8

(29) Autengruber/Mugrauer 2017, S.45

(30) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(31) Ebd.

(32) Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrats. ÖGB-Verlag, Wien, 2014, S.148

(33) Rote Fahne. Zentralorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Österreichs, Nr.242, Jänner 1991, S.31

(34) Fritz Klenner in: „Putschversuch – oder nicht?“ zit. Nach: Rote Fahne, Nr. 242, Jänner 1991, S.33

(35) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.4

(36) Ebd., S.5

(37) Vgl. dazu: Walter Stern, s.o., S.144-144

(38) Manfred Mugrauer Putschthese revisted. Eine Bestandsaufnahme zum 70. Jahrestag des Oktoberstreiks. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Nr.3/2020, S.5

(39) Ebd., S.2

(40) Fritz Klenner, zit. nach: Autengruber, in: Autengruber/Mugrauer 2017, S.46-47

(41) Neue Zeit. Tageszeitung der SPÖ Graz. Artikel: „Der Durchbruch“ und „KP-Pläne für den 15. September“. Beide in der Ausgabe von 12. September 1948, S.1-2 Zit. nach: Rote Fahne, Nr.242, Jänner 1991, S.32

(42) Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ 1945-1955. Vienna University Press 2020, S.649

(43) Hans Hautman, 2000